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um Beifall buhlte, unermüdlich in der Arbeit, tapfer im Kampf um
die Ehre seines Glaubens, ein Mann weitesten Horizontes, dem nichts
Menschliches fremd war, und der dennoch ein Jude war voll edlen
Stolzes und begeisterter Hingabe, hat Joel mehr noch durch seine
Persönlichkeit als durch seine hinterlassenen Werke segensvoll und
fruchtbar als Vorbild und Sämann für die Ehre und Anerkennung
des Judentums gewirkt.
In Breslau blieb Joel, an den zweimal der Ruf nach Berlin er-
gangen war, bis zu seinem Tode, der ihn am. 3. November 1890 von
einem schweren Herzleiden erlöste. Verehrt und geliebt von seiner
Gemeinde, bewundert von seinen Schülern — und wer, der seine
Reden gehört und in seine Werke sich vertieft hat, würde sich nicht
seinen Schüler nennen ! — als Führer um Haupteslänge über seine
Genossen ragend, die ihn neidlos als ihren Meister anerkannten, so
steht sein Bild verklärt vor unserm Auge.
* *
Liebe und Verehrung haben mir bei meinem schwachen Versuch,
den Meister für die Nachwelt festzuhalten, die Feder geführt. Ich
schätze mich glücklich, dem Manne, der mich in meinen Werdejahren
seiner Freundschaft gewürdigt, den ich wie einen Vater geliebt und
dem ich ein großes Stück meiner geistigen Entwicklung zu verdanken
habe, ein Denkmal dankbarer Erinnerung haben widmen zu können.
Erinnerungen an Manuel Joel.
Von Karl Joel in Basel.
Es sei einem Neffen von Manuel Joel, mit dem er sich mehr
persönlich als fachlich verbunden fühlt, gestattet, den für diese
Gedenkschrift gewünschten Beitrag in der freien Form von Er-
innerungen, in der Sommerfrische ohne literarische Hilfsmittel,
niederzuschreiben. Sehen doch auch meine frühesten und häufigen
Kindheitserinnerungen ihn selber im gemeinsamen Sommeraufenthalt,
auf Besuchen im heimischen Riesengebirge, auf Spaziergängen —
lange bevor ich ihn auf der Kanzel der großen Breslauer Synagoge
erblickte, im gefüllten Gange neben lauschenden Seminaristen stehend,
oder bevor ich täglich in seinem Hause einkehrend es als Verkehrs-
Zentrum jüdischer Intelligenz kennen lernen durfte. Haus verkehr
und fast noch mehr der Spaziergang, auf dem dieser sokratische
und peripatetische Geist gern die Fülle seiner Einfälle ausstreute,
gehörten zu seinem Lebensbedürfnis; denn die geistige Entfaltung
war ihm ein natürlicher Prozeß ohne alle künstliche Aufmachung.
Als fruchtbarer Kopf im Gespräch schon lange geschätzt, ließ er
sich erst von Frankel, über dessen Zutrauen staunend, zur
literarischen Produktion drängen, in der er doch wie im Reden ein
Meister werden sollte. Aber noch höre ich ihn sagen: nur in unreifen
Jahren suche man sich wohl im Reden und Schreiben zu steigern,
später gebe man sich darin, wie man sei. Fast schien es bisweilen,
als ließe er sich vom gegebenen Moment tragen. Die Routine lasse