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ihn reden, erklärte er wohl, wenn er unvorbereitet einen Toast
gehalten, in dem die Blitze sprühten; dennoch weiß jeder, der ihn
hörte und las, wieviel Geistesarbeit hinter jeder seiner Kundgebungen
steckte und wie er durchaus kein Mann der genialischen Stimmung
sein wollte und die rhetorische Phrase ebenso mied wie die triviale
Redensart. Er erzählte zustimmend von einem bekannten Amts־־
genossen, der bei jeder öffentlichen Aeußerung ein Blatt Papier
in der Hand hielt, um nicht den Eindruck bloßer Improvisation zu
erwecken. Ein berühmter Schauspieler hängte sich einst in einer
Gesellschaft Manuel Joel in den Arm mit Berufung auf Goethe, der
ja sage: ein Komödiant könnt״ einen Pfarrer lehren. Das sagt Goethe
nicht, antwortete Joel ruhig dem verblüfften Mimen, der nun auf
seine Rollenkenntnis pochend bei diesem Faustzitat beharrte; doch
er mußte sich erinnern lassen, daß Faust dort erwidert: Ja, wenn
der Pfarrer ein Komödiant ist, und daß Goethe auch weiterhin dort
die Empfehlung der Rhetorik kräftig ablehne. Die Anekdote zeigt
charakteristisch, wie Joel gegenüber dem Manne des bloßen Wortes
nur den geistigen Gehalt, den gemeinten Sinn gelten läßt.
Nicht daß er die Kraft des Wortes unterschätzte; er beachtete
es schon aus philologischer, ja etymologischer Neigung, und er
hatte ja selber wie wenige das Wort in der Gewalt und wußte es
eigenartig zu prägen, aber zur dienenden Form des Inhalts. Stilistische
Fähigkeit ward schon dem Abiturienten bezeugt, und seinen da-
maligen Vortrag über die Araber wünschte der Prüfungsleiter privatim
zu Ende zu hören, weil ihn auch der Inhalt fesselte. Die künstlerische
Form war Manuel Joel nie Selbstzweck, aber sie lag auf seinen
Worten wie angegossen, wie unbewußt mitgeboren. Man dürfe
aber das Unbewußte nicht überschätzen gegenüber dem Bewußten,
mahnte er mich, als er den jungen Studenten einmal von Musik
gar zu sehr hingerissen sah. So fern ihm alles Pathos lag und zumal
das musikalische, so konnte er doch gerade am Grabe Meyerbeers
so ergreifend sprechen, daß der Berliner Oberbürgermeister dem
Vorstand nahelegte, diesen genialen Redner nach Berlin zu ziehen.
Seine Beredsamkeit war keine schwelgende und darum nicht vorüber־־
rauschende, sondern eine prägende und darum. auch einprägsame.
Wie mir Wendungen aus seinem Gebetbuch seit Jahrzehnten im
Gedächtnis haften blieben, so klingt mir heute noch nach fast 46 Jahren
eines seiner Worte am Sarge meines Vaters im Ohr: ,,War uns doch
dieser Bruder besonders teuer, da er die Züge dessen trug, den unsere
verzeihliche kindliche Eitelkeit den edelsten der Menschen nannte/'
Ich führe dergleichen an, damit man nicht hinter seiner unschwärme-
rischen Beredsamkeit etwa ein Ueberwiegen des formenden Intellekts
und einen Mangel an Herz wittere. Die Pietät war ein und vielleicht
der stärkste Grundtrieb seines Wesens; sie umfaßte seine engere
und weitere Familie, seine Gemeinde, das Vaterland und zumal das
Judentum; sie war die Wurzelkraft seines gefestigten und doch
unfänatischen Glaubens.
Im letzten Jahrzehnt seines Lebens ward seine konziliante Natur
tief erregt durch das Anwachsen des Antisemitismus, den er zugleich
mit der Gründlichkeit des historischen Betrachters in den ״Bücken
in die Religionsgeschichte zu Anfang des 2. christlichen Jahr-