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hunderts II “ 1 bis in seine antiken Ursprünge verfolgte und mit der
beredten Kraft eines Zeitführers in der Streitschrift gegen Treitschke
und in mancher Rede bekämpfte. Er konnte damals uns jüdische
Studenten anregen, den Katholiken durch Beteiligung an der Ein-
zugsfeier eines Fürstbischofs Teilnahme zu bezeugen zur Beendigung
des Kulturkampfs, und er begrüßte auch die von manchen als
modernes Makkabäertum bespöttelte Gründung einer jüdischen
schlagenden Verbindung. Die antisemitische Bewegung raubte ihm ׳
nicht die Liebe zum deutschen Reich, in dem er sich damals, als
die ,,Rückkehr nach Zion“ auch noch keine Parole mit praktischem
Sinn bedeutete, durchaus heimisch fühlte, und er sprach im ver-
trauten Kreis mit Achtung vom ,,braven“ Charakter des alten
Kaisers und vom ,,ritterlichen“ Kronprinzen. Kritischer beurteilte
Manuel Joel den späten Bismarck, dessen Sturz durch den jungen
Kaiser er voraussagte. Trotz der Abneigung gegen allen Heldenkult
verehrte er in jedem großen Mann ausdrücklich ein ,,Mysterium“
als eine Vereinigung anscheinend unvereinbarer Eigenschaften. Ich
weiß nicht mehr, wo er diese Deutung des großen Mannes ausge-
sprochen hat, aber ich weiß, daß sie sich mir in Jahrzehnten histo-
rischer Arbeit oft und tief bewährt hat.
Manuel Joel war selbst ein historischer Geist — nicht im Sinne
des Akten wälzenden Sammlers, sondern aus Liebe zum Gegebenen,
Gewordenen, Gewachsenen, in Schätzung namentlich der heiligen
Tradition, der er zugleich aus geschichtlicher Kenntnis, aus philo-
logischer Fähigkeit und aus philosophischem Geist eine lebendige
Deutung und eine praktisch vorbildliche Kraft für die Gegenwart
zu geben wußte. Dabei ließ er auch der Gegenwart ihr Recht und
hatte ein scharfes Ohr für die Zeitforderungen. Damit komme ich
auf das Zentrale seiner Einstellung in Denken und Leben, die wohl
andere in eine unlösliche Problematik verwickelt hätte, die bei ihm
aber gerade die Stärke und Eigenart seiner Leistung und Wirkung
auslöste. Seine Zeit war wie keine andere erfüllt vom Streit der
Konservativen und Liberalen, vom Kampf des Glaubens und Wissens,
der Religion und Kultur, der Idealisten und Realisten, der Theoretiker
und der Praktiker. Manuel Joel war beides; er war nicht nur
Theoretiker und Praktiker, er war konservativ und liberal, Idealist
und Realist, ein Mann des Glaubens und ein Mann des Wissens.
Ja, er war eine Mittlernatur; aber er war es nicht wie meist solche
aus Schwäche, Halbheit und Unklarheit, sondern aus Reife und
überschauender Erkenntnis; er gab den! Mittlertum Kraft, Charakter
und Bewußtsein. Er ließ den Lebensrichtungen ein Recht der Ent-
faltung und wollte nur nicht, daß ein ,,Hetzer“ mit Gewalt den
notwendigen Ausgleich störe. Er wollte keine Richtung auf zwingen,
weder im Glauben noch im Denken. Als ich beim Tod meines Vaters
in pessimistischer Stimmung ihm über Zweifel klagte, beruhigte er
den Primaner. Der Zweifel erwache natürlich in jeder Menschenbrust,
die sich entwickeln solle. Als dann der Student im zweiten Semester
der naturalistischen Zeitströmung verfallen in einer philosophischen
1 Vergl. auch ,,Die Angriffe des Heidentums gegen Juden und Christen
in den ersten Jahrhunderten der röm. Cäsaren“ 1879.