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Seminararbeit eine gar radikale antikantische Evolutionslehre verfocht
zum Entsetzen des Professors, nahm Manuel Joel die von diesem
ihm ausgesprochenen Befürchtungen über meine Zukunft gelassen hin
und sah in meiner damaligen Richtung nur ein vorübergehendes
Entwicklüngsstadium. Und er hat Recht behalten. Damals aber
hat er mir kein Wort darüber gesagt und auf meinen Standpunkt
keinerlei Einfluß zu nehmen gesucht, sondern mich ruhig vertrauend
gewähren lassen; nur wenn ich etwa im Uebereifer des Gesprächs
Eant als Feind der damals alleinseligmachenden Erfahrung anklägte,
zeigte er mir Stellen bei Kant, die das Gegenteil bewiesen, und wenn
der jugendliche Schwärmer im damaligen Streit um Richard Wagner
gar zu eifrig Partei ergriff, wies er darauf hin, daß Kant auch die
ästhetischen Urteile nicht, als bloße Partei- und Geschmackssache
gelten ließ, sondern in der allgemeinen Urteilskraft des ־Menschen
begründet fand.
Ueberhaupt Kant! Im Vorwort der ,,religiös-philosophischen
Zeitfragen/' die er mir gegenüber einmal als seine beste Schrift be~
zeichnete, bekennt er, noch auf dem Standpunkt des alten Kant
zu stehen. Noch? Er ging da 1876 vielmehr als einer der Frühesten
und auf seinem Eigenweg zu Kant zurück, noch bevor der Neu-
kantianismus sich zur breitesten und blühendsten Richtung der
deutschen Universitätsphilosophie auswuchs. Doch hieß dies
Kantianisieren nicht wieder ein Parteinehmen? Aber es bleibt
gerade das Auszeichnende Kants, daß er einen Ausgleich suchte
zwischen den Denkrichtungen, einen Ausgleich auch gerade zwischen
Wissen und Glauben, denen beiden er ihr Recht wies und ihre Sphäre
freigab. So hat sich in Manuel Joel jenes bedeutsame Band wieder
bestärkt und befestigt, das den kantischen und den jüdischen Geist
verknüpft als Geist des männlichen Ethos, dem die Befreiung zur
Gesetzlichkeit führt, dem die Gerechtigkeit vorleuchtet zur Ein¬
heit mit der Frömmigkeit und der Humanität und dem jedermann
ohne Ansehen der Person zum Recht, zur Erfüllung des praktischen
Gebots und zur Heiligung des Willens berufen ist, Ich denke an
das Letzte, das ich einst von dem in Liebe verehrten Mann ver-
nahm und das mir als dauerndes Bild seines kantischen Charakters
vor Augen steht: totkrank schon hat er sich noch einmal in den Talar
gezwungen und steht da, den ihn zurückhaltenden Bitten der An-
gehörigen tiefernst und stumm abwinkend, weil die Pflicht ruft, die
heilige. Im Philosophen der Pflicht aber, wieder in Kant, konnte
jüdischer Geist sich am ehesten wiederfinden. Es war ja nicht Zufall,
daß schon der werdende Kant durch zwei ihm befreundete Juden,
durch Moses Mendelssohn und Markus Herz, mit dem herrschenden
Berliner Zeitgeist in Fühlung stand, daß ein Bendavid dort sein erster
Verkünder ward, ein Maimon sein erster Fortsetzer und schließlich
ein Hermann Cohen der bedeutendste Bahnbrecher und systematische
Ausbildner des Neukantianismus.
Mit Achtung sprach mir Hermann Cohen von dem Gelehrten
Manuel Joel, der ja als solcher nicht nur in jüdischen Kreisen ge-
schätzt ward. Als ich an die Basler Universität kam, ward ich
sogleich von philosophischen und noch mehr von theologischen
Kollegen auf seine Schriften hin angesprochen, und ich sehe noch,