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wie der berühmte Religionshistoriker Overbeck, der Freund
Nietzsches, die ,,Blicke in die Religionsgeschichte“ mit anerkennenden
Worten aus seiner Bibliothek hervorzog; dieses Buch wie Joels
Schriften zur Aufhellung, ja beinahe zur Wiederentdeckung der
jüdischen Philosophie des Mittelalters, in der er sich nächst Munk
als damals besten Kenner fühlen durfte, dann seine Nachweise der
jüdischen Quellen Spinozas, taten ihre anregende und vielfach
überzeugende Wirkung in den Kreisen der Wissenschaft, mochte
auch z. B. seine fiktive Auffassung Aristobuls sich nicht durchsetzen
und die Forschung inzwischen für Spinoza weitere Quellen fest-
gestellt haben. Er war ein vielseitiger und scharfsinniger Geist, der in
der Wissenschaft zu größerer Leistung und Bedeutung gelangt wäre,
wenn ihm das Amt dafür Zeit gegönnt hätte. Warüm ging er nicht
den Weg eines Hermann Cohen, eines Moritz Lazarus, eines Jakob
Bernays zur reinen Wissenschaft in akademischer Wirksamkeit ?
Er hat seine ernstlichen Studien der Philosophie und der klassischen
Philologie nicht nur mit der Doktor-, sondern auch mit einer
Oberlehrerprüfung abgeschlossen, die er in humanistischen Fächern
noch besser als im Hebräischen bestand, in dem er doch schon durch
seinen Vater bis zu 18 Jahren gründlich geschult war. Als aber mein
Vater im preußischen Kultusministerium anfragte, ob der jüngere
Bruder als Jude Aussicht auf Anstellung im höheren Schuldienst
habe, antwortete der damalige Minister: ,,Raten Sie Ihrem Bruder
umzusatteln.“ Dann durfte Manuel Joel ja am Breslauer Rabbiner־־
seminar sich ebensowohl als Lehrer in Gymnasialfächern betätigen
wie als Prediger. Die Berufung an die große Synagoge entschied
für letzteren Beruf. Als aber weitere Schriften den starken Ausweis
seiner wissenschaftlichen Neigung und Befähigung brachten, als
manche Stimmen ihm nun zur Habilitation an der Universität
rieten, und auch seine Gattin sich zu deren Sprachrohr machte,
brachte er sie zum Verstummen durch die neckende Frage: Du
willst wohl Frau Professor heißen? Derselbe Mangel an Ehrgeiz,
der bei seiner Ablehnung der zwei Rufe nach Berlin mitsprach, hat
ihn wohl auch vom Beginn einer akademischen Laufbahn zurück-
gehalten. Aber der Grund lag noch tiefer.
Er sprach mir einmal mit einem leisen und doch tiefgehenden
Bedauern davon, daß er nicht in der Wissenschaft seinen ganzen
Mann stellen durfte, — ,,obgleich ich meinen Beruf sehr liebe,“
fügte er hinzu. Ja, er liebte seinen Beruf; er w : ar eben keine aus-
schließliche Gelehrtennatur wie etwa sein Freund Jakob Bernays, von
dessen weltfremdem, unpraktischen Wesen er manche heitere Anekdote
erzählte. Er wollte wirken; denn er liebte die Menschen und suchte
mit dem Wahren zugleich das Gute. Eine sonnige, kindliche Güte
lag in ihm, die schon seine Wohltätigkeit so notorisch machte, daß
seine Empfehlungen unter den Almosensuchern wie Börsenpapiere
gehandelt worden und einer auf das Türplakat ,,Verein gegen Haus-
bettel“ die Worte schrieb: ,,aber geben tut er doch.“ Seine Wohl-
tätigkeit war verankert in seinem sittlich-religiösen Bewußtsein,
zuletzt in seiner Weltanschauung. Dieselbe Menschlichkeit, die ihm
das Amt der Seelsorge schätzbar, ja heilig machte, wuchs ihm aus
zur Humanität des Geistes, trieb ihn, auch Menschen der Vergangen-