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blütenreicher Entfaltung gelangte, um später in den Jahren seel-
sorgerischer Praxis die reifen Früchte seines Geistes £11 zeitigen. Und
diese 10 Lehrjahre waren gleichzeitig Lernjahre, in denen er trotz
einer unterrichtlichen Tätigkeit von 20—24 Wochenstunden, zu
denen er vertraglich verpflichtet war, den großen Wissensschatz in
sich sammelte oder vielmehr bereicherte, über den er auf allen Gebieten
der Fachwissenschaft und der allgemeinen Religionsphilosophie
souverän verfügte. Ueber die Erfolge seiner Lehrtätigkeit äußerte
sich der kompetenteste Beurteiler derselben, der Seminardirektor
Zach. F r a n k e 1, in einem Bericht an das Kuratorium vom 29. März
1858 mit folgenden Worten: Dr. Joel hat sich ״als ein sehr fähiger
Lehrer bewährt, der mit tiefer Auffassung des Gegenstandes gewissen-
haften Fleiß und eine die Aufmerksamkeit und Wißbegierde der
Hörer anregende Lehrmethode verbindet/' Und als Joel zur Abhai-
tung einer Probepredigt in Stettin eingeladen wurde, äußerte sich
Frankel in einem an das Kuratorium erstatteten Bericht vöm
23. September 1859 folgendermaßen : ״Die Leistungen des Dr. Joel am
Seminar sind vortrefflich, sein Abgang wäre für dasselbe fast ein
unersetzlicher Verlust/' 1 Worauf das Kuratorium erwiderte: ״Als
unersetzlich dürfen wir nur Euer Hochwürden Bedeutung für" das
Seminar betrachten." Der Vielgelöbte aber wurde für seine Verzicht-
leistung auf eine Probepredigt in Stettin mit einer Gehaltserhöhung
von 100 RTh. entschädigt und ihm die lebenslängliche Anstellung
angeboten unter der Bedingung, daß derselbe seines Kündigungs-
rechtes'sich begebe, womit Joel sich einverstanden erklärte. Weitere
Anerkennungen für seine ״fortgesetzt rege und erfolgreiche Tätigkeit"
in Form von persönlichen Zulagen folgten.
Die Musterpredigten, die Joel in der Seminarsynagoge gehalten,
lenkten die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf sich und fanden
solche Beachtung, daß er, als Geiger (am 1. August 1863) einem
Rufe nach Frankfurt/Main gefolgt war, zum Nachfolger desselben
an erster Stelle designiert wurde. Seine Gegenkandidaten waren:
Dr. Cohn-Potsdam und Dr. Stein-Danzig. Nachdem seine Probe-
predigt in der Gemeinde allgemeinen Beifall gefunden, äußerte sich
im Vorstandskollegium der Wunsch; sich über Joels religiöse Richtung,
insbesondere seine Stellungnahme gegenüber den damals brennenden
Kultusfragen, Gewißheit zu verschaffen, zu welchem Zwecke ein
Kolloquium veranlaßt wurde, das am Abend des 5; September 1863'
im Hause des Herrn I. Frieden! h a 1, Vorsitzenden der Kultus-
kommission, II, im Beisein von mehreren Vorstandsmitgliedernund
des Syndikus Dr. Honigmann stattfand: Bei dieser Gelegenheit
gab Joel eine programmatische Erklärung folgenden Inhalts' ab :
Seine Aufgabe stelle sich ihm-gleichsam .unter dem biblischen
Bilde von der Lage der alten Wiederhersteller des Gottestempels
dar, die in der rechten Hand: die Kelle, in der linken das Schwert
hielten, um, mitten in der heiligen Arbeit, jederzeit zur Abwehr
gerüstet zu sein. — Den wesentlichen Teil seiner Aufgabe erblicke
er allerdings mehr nach : der positiven Seite hin, d; h. in der
1 Vergl. M. Braun in seiner Geschichte des jüd.־theolog. Seminars in
Breslau, S. 88.
Monatsschrift, 70. Jahrgang.
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