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Darstellung und Lehre der jud. Glaubensgrundsätze und ihres inneren
Kernes und Gehaltes im Lichte einer philosophischen Anschauung
und im Einklang mit dem gebildeten Zeitbewußtsein. — In einer
Stadt wie Breslau, welche einesteils als Sitz bedeutender Intelligenz
und wissenschaftlicher Bestrebungen die Jugend fortwährend in der
Strömung des geistigen Fortschritts erhalte, andemteils aber auch
dieselbe den Gefahren eines über alle Prinzipien der Religion und der
Moralität sich hinwegsetzenden Materialismus nahe bringe, könne
man die Religion in den Gemütern nur dadurch befestigen, daß ihre
Ueberzeugungen auf dem Grunde einer gedankenmäßigen Erkenntnis
und nicht im Widerspruch mit den wissenschaftlichen Wahrheiten
entwickelt werden.
Auch in anderer Beziehung fordere die jetzige Zeit dazu auf,
das Hauptgewicht der rabbinischen Wirksamkeit auf die positive
Seite zu legen, ohne indessen den Kampf gegenüber überwundenen
Formen des religiösen Lebens ganz beiseite zu setzen. Sehr vieles,
was noch vor 20 Jahren als eine reale Macht dem religiösen Fort-
schritt im Wege stand und gegen welches daher die Reform mit
Entschiedenheit negierend auftreten mußte, ist heutzutage aus der
Uebung und aus dem Bewußtsein dergestalt entschwunden, daß eine
ausdrückliche Negation derselben überflüssig erscheint. Der Kampf
gegen viele frühere Hindernisse des religiösen Fortschritts sei geradezu
gegenstandslos geworden; die Schalen und Hülsen seien von der
Gewalt des Lebens gesprengt und es sei an der Zeit, nunmehr Vorzugs-
weise den Kern in fruchtbringender Weise in die Gemüter zu ver-
pflanzen.
In Bezug auf den öffentlichen Kultus befinde er sich im Prinzip
mit der religiösen Richtung, welche die Gemeinde unter Geigers
Leitung in den letzten Jahren verfolgte, in voller Uebereinstimmung.
Die gemäßigte Reform und der besonnene
Fortschritt sei auch seine Einstellung in theoretischer und
praktischer Beziehung. Das Maß der Reform aber erblicke er in
den Grenzen des positi ven Judentums, wie es sich geschichtlich
entwickelt. Innerhalb dieser Grenzen sei jeder Fortschritt berechtigt,
sofern er auf einer verbreiteten Ueberzeugung und Billigung seitens
der Gemeinde beruhe und den Zusammenhang auch mit dem noch
weiter zurückgebliebenen Teil der Glaubensgenossen nicht gewaltsam
durchreiße. Es müsse in gewissem Sinne bei den Reformen auch
die Rücksicht maßgebend sein, daß die Gemüter nicht verletzt und
die minder Fortgeschrittenen der Sache der Reform nicht durch
Mißtrauen entfremdet werden.
Beim Religionsunterricht werde er es vermeiden, in den Ge-
mütern der Jugend einen Konflikt zwischen der ihr gebotenen Be-
lehrung und den im elterlichen Hause gebotenen Anschauungen
hervorzurufen. Auf eine in Bezug auf das sog. Messiasdogma an
ihn gerichtete Anfrage erklärte Joel, daß er im Religionsunterricht
ausschließlich nur die messianische Idee in ihrer Allgemeinheit
ohne Hervorhebung, aber auch ohne direkte Negierung des persön-
liehen Messias lehren werde. Die mit der Messiaslehre in Verbindung
stehende Idee der national-politischen Restauration des Judentums
soll gänzlich außer dem Bereich der Erörterung in der Schule bleiben.