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Hinsichtlich verschiedener Kasualfälle, bei denen die Verbind״
lichkeit oder Nichtverbindlichkeit der talmudischen Ehegesetze in
Frage kommt, glaubte Joel sich ganz positiver Erklärungen enthalten
zu dürfen, weil sehr oft nach Beschaffenheit der einzelnen Fälle
dabei Erwägungen moralischer Natur für den Rabbiner maßgebend
sein müssen. Im allgemeinen aber sei er weit davon entfernt, die
rabbinischen Zeremonialgesetze für unbedingt verbindlich und in-
dispensabel zu halten. Auch die Gültigkeit einzelner mit der mo-
saischen Theokratie zusammenhängender biblischer Vorschriften,
wie z. B. das Eheverbot zwischen einem Cohen und einer Geschiedenen,
könne von dem Ergebnis einer wissenschaftlichen Feststellung des
Begriffes Cohen abhängig gemacht werden 1 .
Die Erklärung befriedigte und er wurde einstimmig gewählt 2 . In
einer Zuschrift vom 2. Okt. 1863 erbat sich nun Joel vom Kuratorium
des Seminars die Entlastung von seiner Lehrtätigkeit, indem er be-
merkte: ״Ich brauche wohl kaum hinzuzufügen, wie schwer mir das
Scheiden aus lieb gewordenen Verhältnissen und aus einer Anstalt wird,
der ich nicht bloß aus Pflicht, sondern aus wahrer und aufrichtiger
Neigung so viele Jahre angehört, und daß nur Rücksichten, die,
wie ich zu meiner Beruhigung w^eiß, von Einem Wohllöblichen Curatio
gebilligt werden, mich veranlassen konnten, eine meinem Herzen
stets teuer bleibende Stellung aufzugeben“. Die Entlassung wurde
gewährt. Mit welchen Empfindungen, das zeigt folgende Zuschrift
des Kuratoriums:
Es ist uns eine angenehme Pflichterfüllung, Ihnen, Hochgeehrter
Herr Dr., in dem Augenblick Ihres Scheidens für die Treue und
Hingebung, mit der Sie seit Eröffnung des jüd.-theolog. Seminars
FraenckeFscher Stiftung an dieser Anstalt in Ihrer Lehrtätigkeit
gewirkt haben, unseren wärmsten Dank auszusprechen.
Vergegenwärtigen wir uns die segensreiche Bedeutung Ihres
Wirkens, getragen und gefördert durch Ihre innige Harmonie, mit
dem ehrwürdigen Direktor und Ihren Kollegen, sowie die Anhäng-
lichkeit und Verehrung Ihrer gewiß dankbaren Schüler, so können
wir den Verlust eines durch wissenschaftliche Tiefe ebenso, wie durch
sittliche Reinheit ausgezeichneten Lehrers im Interesse des uns in
seiner Förderung stets am Herzen liegenden Seminars nur von ganzem
Herzen bedauern.
Nur das*׳Bewußtsein, daß Sie berufen sind, nunmehr im Dienste
der Gemeinde unserer Vaterstadt das heilige Wort Gottes zu ver-
künden,^ die Segnungen unserer heiligen Religion mit der Ihhen
eigenen sittlichen Weihe in diesem weiteren Kreise zu verbreiten
und Geist und Herz der heranwachsenden Jugend damit zu erfüllen,
erhebt uns über den Schmerz, Ihrer Mitwirkung am Seminar foftan
entbehren zu müssen. Wir hoffen aber und erwarten, daß Ihr
Scheiden aus demselben nur ein äußerliches sein werde, daß Ihnen
die Erinnerung an das Jüd.-theolog. Seminar lieb bleiben und daß
Sie sich mit ihm auch in Zukunft geistig verbunden fühlen werden.
1 Aus Akten der Synagogengemeinde Breslau (Joel Nr. I G. 1. 11“).
2 Die Amtseinführung fand am 6. Januar 1864 statt, die Antrittspredigt
wurde am 9. Januar gehalten.
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