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dem Laienauge anschaulich dargestellte und ausgewertete Gedanken-
weit. ,
Von welcher Seite auch immer wir das Bild seiner geistigen
Persönlichkeit betrachten mögen, ob wir ihn als gelehrten Forscher
oder als Meister der Kanzelberedsamkeit ins Auge fassen, ־ das
Eigentümliche und Charakteristische an ihm ist der philosophische
Kopf, die Richtung seines Denkens auf das Transcendente, das
Bestreben, das Judentum als Lehre in seiner Ganzheit nach den
klassischen Vorbildern der Vergangenheit zum Range einer Welt-
anschauüng zu erheben. Wohl war J. nichts weniger als ein trockener
Schülphilösöph, keiner jener zünftigen Baumeister, die Stein auf
Stein legen, um ein gedankenschweres System aufzurichten. Er
nennt sich selbst einmal bescheiden einen ,,Philosophenjünger/‘
was an den DDH תלמיד erinnert. Aber wir setzen ihm sein eigenes
Wort entgegen: ״ Ist denn nur das schulmäßige Philosophieren ׳ ein
Philosophieren? 1 ״ Gewiß nicht. Wenn aber philosophieren bedeutet
das Streben und Ringen nach einer Weltanschauung, welche die
zeitlichen Erscheinungen im Lichte der Ewigkeit betrachtet und die
Ewigkeitswerte als grünendes Reis in die Zeitlichkeit zu pflanzen
sucht, oder nach seinen eigenen Worten ״ die göttliche Vernunft in
allem Geschichtlichen und Natürlichen durch Denken zu erkennen
suchen 2 ״ , so war J. ein Philosoph eigenen Gepräges und aus sich
selbst schöpfenden Geistes nicht bloß in seiner Studrerstube, sondern
auch auf der Kanzel.
Der Gegenstand seines philosophischen Denkens war die Religion
und die Aufgabe, die er sich stellte, war der Nachweis, daß die Wahr-
heit der Vernunft und die Wahrheit des Gemütes, die objektive und
die subjektive Gewißheit, sich gegenseitig ergänzen und berichtigen
müssen, um die eine Wahrheit zu setzen. Im scholastischen Mittel-
alter war zwischen den beiden Geistesmächten ein Streit um den
Vorrang oder, wie man zu sagen pflegt, um den Primat und die Ent-
Scheidung lautete zumeist: pliilosophia ancilla theologiae. Die noch
nicht geschriebene Geschichte der jüd. Religionsphilosophie wird
von solchen Konflikten nur selten zu berichten wissen, dagegen
viel über die seit Saadia in fast jedem Zeitalter erneuten Versuche
jüdischer Denker, die scheinbaren Gegensätze zwischen dem Inhalt
des Wissens und des Glaubens auszugleichen und zu harmonisieren.
Auch in Joels Seele haben Philosophie und Religion sich die Hand
gereicht zu harmonischem Bunde und aus dieser Vereinigung ent-
stammte eine Weltanschauung, die nachfolgend Gegenstand einer
lairzzusammenfassenden Darstellung sein soll, die uralte, nicht
gewaltsam modernisierte, ihrer Eigenart nicht entfremdete Welt-
anschauung des Judentums, die im Lichte seines Geistes neu und
eigenartig erscheint.
Kraft der Erkenntnis und Macht der Religion — beide entspringen
aus derselben Quelle, aus der Menschenseele; beide suchen die Ant-
wort auf die Frage des Menschen nach den letzten Gründen des
Daseienden, beide haben denselben Gegenstand, nämlich ״ die Be-
1 Religiös-philosophische Zeitfragen, S. 82.
2 Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Jdt, 1859, S. 135.