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Zur neueren Bibelliteratur 1 .
Von Heinrich Speyer in Breslau.
Die an dieser Stelle besprochenen Werke zur Bibelliteratur sind
gekennzeichnet durch das Bestreben, die Untersuchungen im Rahmen
eines größeren geschichtlichen, kulturhistorischen oder literarischen
Gesichtsfeldes anzustellen. Für die bibelexegetischen Probleme ist zu
diesem Zweck das Quellenmaterial des A.T. mehr als sonst ausgewertet
worden, und für die archäologischen Untersuchungen ist die in
Betracht kommende Kulturgeschichte in umfassender Weise berück-
sichtigt. Das letztere gilt besonders von der.Arbeit ,,LesHebreux
en Egypte“ par Alexis Malion S. J. Prof esseur
d״ E g y p t ologie ä ! , Institut Biblique Pontifical,
R o m 1, 1921. Der Aufenthalt der Juden in Aegypten, der Zweifels-
ohne zum Interessantesten gehört, was die Geschichte an Rand-
Spannungen zwischen Völkerschichten kennt, wird uns hier nach den
Inschriften des alten Aegypten und den biblischen Berichten ge-
schildert. Wir hören von den immer rege gewesenen Beziehungen
der semitischen Nomadenstämme zu dem fruchtbaren Nillande. Die
Einfälle der Hyksos haben sogar zeitweilig das religiös-kulturelle Bild
Aegyptens vollkommen zu verwischen vermocht und sind auch vielfach
in den literarischen Denkmälern erwähnt, so in der Geschichte von
Sinuhit, Neferrohu, dem König Akhthoi u. a. Auch die Stele des
Nessumontu und des Sebekhu berichten von den Versuchen der
Pharaonen die semitischen Nomadenstämme zurückzudrängen. Des-
gleichen enthalten Relieffe Abbildungen von hohen ägyptischen
Beamten, die Asiaten empfangen, die als Zeichen ihrer Ergebenheit
die Arme emporheben. Mallon gibt auch eine Beschreibung von
vielen Gemmen, die z. T. semitische Namen enthalten und nennt
im Zusammenhang damit eine ganze Reihe von Hyksos-Königen,
die Aegypten zeitweilig unterjocht haben. Ein Kapitel gibt Auszüge
aus der alexandrinisch-jüdischen Literatur mit besonderer Berück-
sichtigung des Josephus. Dann werden in der Hauptsache biblische
Berichte behandelt, die ägyptisch-jüdischen Eigennamen und die
Bedeutung des Landes Gosen für die Geschichte der Juden und
deren Unterdrückung.
Für aas bekannte Problem der Israel-Menephta-Stele gibt auch Mallon
keine befriedigende Lösung. Die Erwähnung Israels: ,,Israel ist zerstört, es
hat kein Samenkorn mehr“ neben südpalästinensischen Orten wie Asqelon,
Jano‘am und Gezer veranlaßt M. (S. 181) mit Flinders-Petrie die Frage auf-
zuwerfen, ob nicht zur Zeit des Menephta ein doppeltes Israel bestanden habe.
Das eine hätte Kanaan erobert und wäre dort unter diesem Namen bekannt
geworden, und ein Stamm Israel hätte dann in Aegypten mit den Pharaonen
gekämpft. Dieser Stamm muß nach M. nicht unbedingt mit den Hebräern
1 Wir haben Herrn Dr. Speyer vor allem die Besprechung von Werken
zur Geschichte der biblischen Zeit übertragen. Die Schriftleitung.
Monatsschrift* 72. Jahrgang- 36