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Um das Gebot der Nächstenliebe.
Von Max Katten.
Die vorliegende Arbeit hat sich die Aufgabe gestellt, an
einigen Beispielen, die der Traditionsliteratur und dem religiös״
ethischen Schrifttum entnommen sind, zu zeigen, wie jüdisches
Denken das alttestamentliche Gebot der Nächstenliebe verstau״
den und ausgelegt hat Es handelt sich in erster Reihe darum,
den Wesensbegriff der Liebe aufzufinden und klarzustellen. An
den Verhaltungsweisen, an der ״Liebesarbeit", die mit dem Satz
״Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" 1 gestützt und durch ihn
empfohlen wird, wird der innerste Sinn des Liebens deutlich und
faßbar. Was man praktisch von dem Gebote lernen und ableiten
wollte, ist zugleich eine Interpretation seines Sinns. Dann aber
wird auch Licht fallen auf den Begriff des Nächsten. Niemals
wird im jüdischen Schrifttum direkt nach dem Nächsten gefragt:
״wer ist der Nächste?" wie etwa im Neuen Testament 2 . Man
hat den Satz als Ganzes gesehen und angewendet, nicht den
Blick auf einen seiner Teile gelenkt. An der Art jedoch, wie
man ihn bewertete, von welcher Zeit an man ihm Geltung zu״
sprach, welchen Personenkreis man für seine Beobachtung ver״
pflichtet hielt, wird ersehen werden können, als wen man den
Nächsten verstanden und begriffen hat.
Wir gehen von jenen Fällen aus, bei denen das Gebot zur
Begründung eines speziellen Verhaltens dient. Bisweilen näm״
lieh zieht der Talmud unseren Satz an, um eine Verhaltungs״
weise, die mehr einen Brauch darstellt als auf satzungsmäßiger
Grundlage ruht, zu begründen. Unter Berufung auf das Gebot
wird den Ehegatten eingeschärft, die Gesetze der Schicklichkeit
nicht außer acht zu lassen, ״vielleicht sieht er an ihr etwas
Widriges, und sie wird ihm zuwider" (Nid. 17a). Die Möglich״
keit einer Entfremdung der Eheleute liefert sonach den Vorwand,
um den Begriff der Liebe zu klären, ihn in seinem sinnlichen
1 Lev. 19 18 .
2 Luk 10 2Q .
'Monatsschrift, 79. Jahrgang
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