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Besprechungen
handelt weiterhin die Geschichte der jüdischen Friedhöfe in, und bei Kassel.
Gut ausgewählte Bilder illustrieren die Angaben! Hallos. Der Abschnitt
Volkskunde der Hessen-Kasseler Juden von Julius Dalberg enthält eine
kurze Darstellung der Eigentümlichkeiten des Kasseler jüdischen Volks*
tums, der Zusammensetzung und des Charakters der jüdischen! Gemeinde
Kassel, also des offiziellen kurhessischen Judentums, von dem zur Zeit der
Abfassung des Buches 90% der Altkasseler, jüdischen Familien ausgestorben
waren. Wie bei andern größeren Gemeinden kam allmählich Zuwachs von
den kleinen Städtchen und Dörfern nach Kassel; durch diese Zuwanderung
erklärt ■es sich nach Dalberg, daß auch der liberalste Jude in Kassel sich
ein orthodoxes Mäntelchen umhängt. Gelungen ist auch der Nachweis,
daß der Kasseler Jude, hervorgegangen aus der hessischen Landschaft und
aus dem uralten Judentum, modifiziert durch seine Einwanderung yon Süd«
deutschland her und durch die hessische Geschichte, in der Kultur eines
der reinst deutschen Kreise wurzelt, gleichzeitig aber gebunden ist durch
alle die jüdischen Kulturgüter und die Bande jüdischen Blutes. Manches
kennzeichnet Dalberg als spezifisch hessisch, während es sich allgemein
bei den deutschen Juden findet; die ältesten Bräuche des Minhag Asch*
kenas finden sich nicht in Hessen (S. 151), sondern an, Rhein und Donau.
— Die Geschichte der Religionsschule und des Kultus von Gotthilf Walter
beginnt mit d. J. 1853. An der Entwicklung der inneren jüdischen Verhält«
nisse in Hessen hat besonders Landrabbiner Dr. Adler teilgehabt.
In dem Vorwort wird darauf hin gewiesen, daß in dem Werk sich ״die
Nüchternheit des Einen, die impressionistische Technik des Andern, das
Erzählertalent eines Dritten 4 sich jeglicher Einspannung ln ein einziges
Formgesetz entziehen. Das ist richtig. Trotzdem möchte ich meine Be«
denken gegen die Gestaltung des Werkes nicht verhehlen. Es ist kein
Grund einzusehen; warum nicht das Beispiel, das uns Kracauer in seiner
ausgezeichneten und vorbildlichen Geschichte der Frankfurter Juden ge«
geben hat, befolgt worden ist, warum nicht mit der äußeren Geschichte
und der Darstellung der Rechtsverhältnisse der Kasseler Juden begonnen
wurde. Auch auf diesem Wege hätte man ״nicht akademisch von einer
antiquierten Sache, sondern aus dem Leben heraus von einem Gegen«
wärtigen“ sprechen können. So aber macht das Werk mit seinem reichen
Inhalt im ganzen wohl einen gediegenen-, zum Teil einen künstlerischen,
andererseits aber auch einen dilettantischen Eindruck; es läßt die ; Gleich«
mäßigkeit und wissenschaftliche Klarheit vermissen.
Siegfried Scheuermann ״Der Kampf der Frankfurter Juden um ihre
Gleichberechtigung (1815—1824)“123 ,1933) ״ Seiten) schildert in der
Hauptsache den Fiergang des Prozesses zwischen dem Senat, der Stadt
Frankfurt und den Frankfurter Juden. Durch das Organisationspatent des
Großherzogs Karl! von Dalberg hatten die Frankfurter Juden i. J. 1810. die
Gleichberechtigung erlangt. Die Judenstättigkeit von 1616 war damit auf«
gehoben. Nach der Wiederaufrichtung der städtischen Freiheit beginnt
der Kampf zwischen dem Senat und der Israelitischen Gemeinde Frankfurt