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Rahe! Wischnitzer-Bernstein
Ein. Beispiel für die Durchdringung der Sukkotliturgie mit
me ssianischem Gedankengut bietet eine bildliche Darstellung im
Machsor der Universitätsbibliothek Leipzig, cod. V 1102. Die
Handschrift ist in der 2. Hälfte des 14. od. Anfang des 15. Jahr-
hunderts in Süddeu.tschland entstanden und weist im Dekor
manches Merkmal der Spätgotik auf. So sind die Kriechblumen
und die Kreuzblumen darin bereits von ausladender, bewegter
Zeichnung, das Maßwerk von feiner Gliederung, der Kielbogen
und der abgeflachte Korbhenkelbogen machen sich bemerkbar.
Beachtenswert ist die Behandlung der menschlichen Figur. Tier-
köpfige Gestalten, wie im Hammelsburger Machsor von 1348
(Darmstadt, Landesbibliothek, cod. or. 13) fehlen hier. Die
Köpfe mit stark gelocktem Haar zeigen jedoch Gesichtsprofile
von schematischer Zeichnung, Männer, Frauen, Kinder haben
alle das gleiche Gesicht. Eine Kurve deutet Stirn und Nase an,
ein einziger Querstrich bezeichnet Nasenloch und Mund. Das
wenig anmutige, betont krummnasige Gesicht wird durch ein
weitgeöffnetes Auge belebt, das gelegentlich durch einen Schat-
tenstrich hervorgehoben erscheint. Die Figuren zeigen die go-
tische Biegung.
Im 2. Band der Handschrift, die den Machsor Sukkot und
Jomkippur enthält, sehen wir auf Blatt 181 verso (Abb. 1) eine
Illustration, die sich auf die Sukkotliturgie bezieht. Das Initial-
wort אכתיר (ich werde krönen), mit dem der Text auf dem Blatte
beginnt, leitet das Jozergebet des ersten Tages des Sukkotfestes
ein. In Goldmalerei auf Rankengrund in großer Quadrata ge-
schrieben, steht es in einem rechteckigen mit Kreisen und Rau-,
ten gefüllten Rahmen. Am rechten Rand des Blattes ist ein
Mann in Vorderansicht, stehend, den Kopf zur Linken geneigt,
Etrog und Lulab in den Händen, dargestellt. Die Symbolpflan-
zen des Sukkotfestes sind sorgfältig gezeichnet. Der Vorschrift
entsprechend (Talmud Sukka 45b), ist die Frucht und der Blätter-
Strauß mit der Spitze nach oben gehalten gezeigt. Auch in der
Kennzeichnung von Form und Zahl der einzelnen Pflanzen (ein
Palmzweig, zwei Bachweidenruten, drei Myrtenzweige) ist das
Bestreben, der Vorschrift zu genügen, erkennbar. Wenn der
Schwinger des Feststraußes den Etrog in der Rechten zu halten
scheint (Suk. 37b fordert, daß man ihn in die Linke nehme), so