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B. Weinryb
Ahasveros befiehl t r ihn zu hängen.
Haman flieht und wird ergriffen.
8. Szene;
Haman geht zum König. Königin
und Mordechai bitten um.sein Leben.
Mordeehai antwortet mit Witzen.
9. Szene:
Haman verabschiedet sich und wird
gehängt.
Inter medium
Hamans Wiedergeburt.
Epilog
Die Spieler verabschieden sich.
8. Szene j
Wie L. Nur kürzer.
9. Szene;
Wie L.
Intermedium
Wie L.
Epilog
Wie L. mit einigen Änderungen.
Aus diesem Vergleich ersieht man, daß L. vollständiger als
S. ist. In S. fehlen 4 Intermedien und 4 Szenen. Andere Stellen
sind dort kürzer als in L. gefaßt.
Diese Verschiedenheit kann uns aber auch Beweise liefern,
daß L. viel älter und ursprünglicher als S. ist.
Der überlieferte Text der jiddischen Esther-Ahasveros-
Spiele ist aller Wahrscheinlichkeit nach so entstanden, daß die
jüdischen ״Spieler" Teile aus dem seit der Reformation in
Deutschland verbreiteten christlichen Esther-Drama heraus-
griffen und sie ihrem Sinne und ihren Bühnenmöglichkeiten
anpaßten. Im Laufe der Zeit haben sich die einzelnen Texte
vermischt, so daß die erhaltenen eine Zusammenfügung
mehrerer Bruchstücke darstellen. Ähnlich war es mit der
komischen Figur (Hanswurst, Pickelhäring, Harlekin), die von
den englischen Komödianten übernommen wurde und sich im
deutschen Drama einbürgerte. Im jiddischen Estherspiel befand
sich ursprünglich eine komische Figur (Prinz Mondrisch) neben
der ernsten Figur Mordechais. Da man aber das Spiel nicht nur
in besonderen Gebäuden aufführte, sondern auch die ״Kunst"
den Leuten ins Haus zu tragen pflegte, um dort Aufführungen
zu veranstalten, so mußte man sparsam mit den Personen um-
gehen, so daß auf einen Spieler zwei oder noch mehr Rollen
entfielen. Allmählich vermischte sich so die Rolle der komischen
Figur mit der des Mordechai 20 , wobei beide Rollen sich etwas
verkürzten. Je weiter also ein Stück vom Urtext entfernt ist, in
20 Vgl. auch Weinryb in: The Journal of English and Germania
Philo,logy XXXIII, 391 f.