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Die Judenemanzipation
im Licht des französischen Nationsbegriffs.
Von KurtStillschweig.
Übersicht:
§ 1. A. Das ancien regime.
§ 2. B. Die Problemstellung.
§ 3. C. Der französische Nationsbegriff.
§ 4. D. Emanzipation und nationale Eingliederung.
§ 5. I. Die Aufnahmebereitschaft der französischen Nation.
§ 6. II. Die Eingliederungsbedingungen.
1 § ־ .
I. Die französische Nation ist ״ in ihrer Zusammensetzung
weit bunter als irgendein Volk Europas“. Sie bildet ein ״ inter-
nationales Gemenge von Völkern“ 1 , die ursprünglich geson-
derte ethnische Gruppen darstellten. Erst im Laufe des 9. Jahr-
hunderts verschmolz das romanische mit dem fränkischen Eie-
ment. ״ Dennoch wurden, so schreibt der ״ Altmeister der fran-
zösischen Geschichtswissenschaft“, Charles Seignobos 2 , die
tiefen Unterschiede zwischen der gallo-romanischen Bevölke-
rung südlich der Loire und den fränkisch durchsetzten Be-
wohnern des Nordens nie ausgeglichen; die Verschiedenheit
der Sprechweise, der Sitten und des Seelenlebens blieben . . .
wesentlich“.
Inmitten dieser Vielfalt gab es jedoch eine Einheit, die
seit dem 16. Jahrhundert ständig an Bedeutung gewann: den
König. ״ Le Roy de France tient la justice de Dien, et les
Seigneurs et Magistrats la tiennent du Roy“ — ״ La volonte du
Roy vaut loy“, so lauteten einige der Grundsätze 3 , die man
(1665) als Fundament Frankreichs bezeichnete. Das Band cles
gemeinsamen Königstums war es also, das sich um den
Picarden und den Gascogner, den Mann aus der Bretagne und
den aus dem Languedoc schlang und das alle Einwohner cler
1 Seignobos, Geschichte der französischen Nation, München «Berlin
1936, S. 6. 2 a. a. O., S. 60.
3 Benoist, La monarchie fran^aise, Paris 1935, S. 142.
Monatsschrift, 81. Jahrgang
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