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Recensionen.
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mantif vortheilhaft absticht von dem einförmigen Dasein Reuchlins, so sehr
Erasmus diesen übertrifft durch Eleganz des Stil's wie die Wucht und
Fülle seiner Literarischen Arbeit, hat bei' Weitem nicht so viel Darsteller
gefunden. Dieser Streit füllt auch in der neuesten von Hrn. Dr. Geiger
verfaßten Biographie Reuchlin's, die uns zur Besprechung vorliegt, den
größten Theil des ungefähr fünf hundert Seiten starken Bandes.
Der Biograph Reuchlins ist in einer eigenthümlichen Lage, wenn er
über die Leistungen sprechen soll, die seinen Ruhm bei den Zeitgenossen
begründet haben. Der Ruhm eines Gelehrten sind gewöhnlich seine Bücher;
aber Bücher waren es nicht, die Reuchlin in der Meinung seiner Zeitge-
nossen so hoch stellten: seine Komödien sind nicht von großem Belang,
seinen Stil tadelt Erasmus als rauh und ungehobelt; die Kabbala gar
erhielt einen Ehrenplatz im ״Lob der Narrheit". Reuchlin hat ein größeres
Verdienst um den deutschen Humanismus, als dies, gute Bücher geschrieben
zu haben; er hat die Keuntniß des Griechischen in Deutschland eingebür-
gert; dies Verdienst hat ihn so hoch gehoben; aber diese Thätigkeit
kennen wir hauptsächlich nur aus dem Widerhall, der im Beifall seiner
Zeitgenossen zu uns hinübertönt; er selbst hat in keiner großem wissen-
schaftlichen Arbeit seine ausgebreitete Kenntnih des Griechischen verwerthet
und dadurch ein Zeugnis; derselben auf die Nachwelt gebracht. Vielleicht
erklärt es sich hieraus, wenn in der Darstellung des Di*. Geiger die
Partie, welche der wissenschaftlichen Laufbahn R. gewidmet ist, trotz der
fast ermüdenden Weitschweifigkeit, trotz einer Ausführlichkeit, welche ganze
Papierkörbe voll Notizen über den Leser ausschüttet — was der Verfasser
weiß, muß zugleich der Leser erfahren, — nicht den Eindruck hervorbringt,
als hätten wir es mit einem durch seine Gelehrsamkeit weltberühmten
Manne zu thun. Aber auch in der Schilderung des Streits mit Pfeffer-
körn und den Dominikanern vermissen wir bei allem Fleiß des Notizen-
und Büchersammlers Klarheit der Anschauung, Korrektheit in Anführung
der Thatsachen. Dieser Streit ist Hrn. Dr. Geiger der Kampf zwischen
Freiheit und Glaubenszwaug; dennoch behauptet er ״daß Reuchlin den
Namen eines Vorläufers der Reformation nicht verdiene" (S. 148).
Wie? Reuchlin kein Vorläufer der Reformation? Er, der am Anfang
der lutherischen Bewegung so oft mit Luther zusammengenannt und zu-
sammengeworfen wird, der in seinem ״Sergius" den Heiligenkram mit
scharfen hutten'schen Hieben wund geißelt, der die kebraiea ver!ta8 der
vulgata entgegengestellt hat, er kein Vorläufer der Reformation? Und
warum nicht? ״Er stand auf dem Standpunkt der alten Kirche," weil