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Recensionen.
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er zu guter letzt noch Augustiner wurde, weil er feinem Großneffen Ile-
lanchthon die versprochene Bibliothek entzog, weil er mit einem Worte das
Auftreten Luthers mißbilligte. Ja, das letztere thaten eigentlich, wenn
wir den einzigen früh verstorbenen Hutten ausnehmen, alle Stimmführer
der Humanisten; Erasmus von Rotterdam, Muüan, Pirkheimer, selbst
Erotus, der Verfasser der Dunkelmännerbriefe, sie alle haben als Kathöli-
ken ihr Leben geendet; Morus hat sogar die ״utopische" Meinung, die
Reformation müsse Haupt und Glieder und nicht nur die Glieder allein
treffen, mit den! Scheiterhaufen gebüßt. Haben sie darum nicht doch, wie
die Mouche sagten, die Eier gelegt, die Luther ausgebrütet hat? Haben sie
nicht die Flamme entzündet, wenn sie auch, als sie lichterloh brannte, sich
davon schlichen und so thaten, als waren sie nicht dabei gewesen? Wenn
sie sich später zurückzogen, so geschah es, weil sie die Gewaltthätigkeit Lu-
thers mißbilligten, seine ״paradoxa und aenigmata" d. h. die jetzige
protestantische Dogmatik nicht begriffen, weil sie endlich ganz wie die spä-
tere Voltairianer völlig zufrieden waren, wenn 168 hommes d’esprit
aufgeklärten Anschauungen sich znneigten; die Menge draußen mochte nach
Abstellung der gröbsten Mißbräuche glauben, was da immer; die huma-
niora schliffen die Charaktere; da gaben sie wenig Anstoß, aber sie nah-
men auch wenig Anstoß. Es scheint etwas wahres zu sein an den! ovidi-
scheu Worte: emoilifc morea didicisse fideliter artes, wenn wir es
auf Rhetorik und Poetik beziehen. Diese Männer scheuten vor Allen! den
öffentlichen Eclat. Pirkheimer, der Humanist, läßt ruhig die Juden aus
Nürnberg verjagen; er sitzt im Rath, aber er widerspricht nicht. Reuch-
im will aus Liebe zur Kabbala, vielleicht auch aus echt humanem Sinne,
das jüdische Schriftthum schützen, aber das Gutachten, das er dem Kaiser
übergiebr, soll hübsch geheim bleiben; er wird bitterböse, als es in die
Öffentlichkeit dringt, ganz ebenso wie einige Jahre später Erasmus, als
Hutten dessen der lutherischen Bewegung günstigen Brief an Cardinal
Albrecht v. Mainz in weitere Kreise brachte. Was braucht auch alle
Welt zu wissen, wie gelehrte Leute über gewisse Dinge denken.!
Zwar beruht es auf einem groben Mißperständniß, wenn der Vers, zur
Erhärtung ״einer an Feigheit gränzenden Schwäche" (S. 274) eine Stelle
eitirt, ״welche Neuchlin schändet" und die folgendermaßen lautet: orandus
igitur o Caesar et implorandus mihies, ui islis hominum peslibus et
avaritiae barathris permiltes saltem aut certe mandes comminatione
incendii Judaeos concutere, ut eas imperii tibi oves glubant non
toudeant; Suant, auferant, habeant sibi au rum judaVcum et ego