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Recensionen.
pacem habebo." Diese Stelle enthält nur eine sehr starke ätzende Ironie:
sie will sagen: Ich bitte dich himmelhoch, Majestät, schaffe mir diesen Pö-
bel vom Hals; so unerträglich ist mir dies Gesindel, daß ich Ihm alles
Unrecht verziehe: nur mich sollen sie nicht länger plagen." Das kann,
wie gesagt, zumal in einer Schrift, die sich zur Aufgabe den Nachweis
stellt, wie seit Cäsar alle Imperatoren die Juden beschützt haben, nur
ironisch verstanden werden, und Hr. Dr. Geiger versteht keinen Spaß,
wenn er die Sache ernst nimmt; es ist sehr schön, unparteiisch auch gegen
seinen Helden zu sein, nur immer hübsch am rechten Orte. Aber in der
Hauptsache, daß dem R. Charakterstärke und Strenge fehlte, muß man ihm
wohl zustimmen; und eben deßwegen ist der Streit zwischen N. und den Do-
minikanern nicht ein Streit zwischen ״Freiheit und Glaubenszwang," wenn
auch die Freiheit dabei außerordentlich gewonnen hat; sie gewann aber wie
der Baum, der aus dem Dünger neue Säfte und frisches Grün saugt.
Eine schöne Freiheit das, die aus Menschenfurcht beim ersten Anprall die
wichtigsten und deshalb am heftigsten angegriffenen Punkte preisgiebt, die
hinterher bei den Köllner Inquisitoren um Gnade bettelt, die auch Sikin-
gen's und Huttens scharfe Klingen Zur bessern Widerlegung des Gegners
nicht verschmäht, *) die überhaupt sich viel um Papst und Koncilien scheert
und nicht begreift, daß frei sein so viel heißt, als auf eigenen Füßen stehen
und sich an Niemanden, am allerwenigsten an den Papst anlehnen. Neuch-
lin, dieser Bannerträger der Freiheit, hatte ja die Missive verfaßt, welche
(S. 245) ähnliche Anschauungen wie die Pfefferkorns enthielt; und wenn
der Verf. sagt, ״daß das Bekenntnis; zu richtigeren Ansichten gelangt zu
sein, einen ehrlichen Mann nur adle", so ist dies schon ganz recht, aber
1) Wir können deshalb in den schroffen Ton nicht einstimmen, wenn
Graetz, Bd. 9, S. 147, Anmerkung II sagt, die Verlogenheit Hochstraten's
und des Dominikanerprovinzials ergiebt sich aus der Confrontirung zweier
Aeußerungen, die von R.'s Biographen bisher unbeachtet geblieben ist.
Und nun werden zwei Sätze angeführt: in dem einen erzählt Hochstraten,
er hätte im Aufträge des Provinzials Reuchlin vor sein Tri-
bunal geladen. Der andere einem Briefe dieses Provinzials, Eberhards
v. Kleve an den Papst vom Mai 1820 (1826, wie a. a. O. zu lesen, ist
wohl nur ein Versehen des Druckers) entnommen, steilt dies geradezu in
Abrede. Graetz fügt hinzu, einer von beiden hat also geradezu gelogen;
allerdings; und wir glauben, der Provinzial that's, als er Hochstraten
verleugnete. Aber was sollte denn der arme Schelm anders thnn, wenn
Sickingens Schwert der Genius war, der ihm den Brief in die Feder diktirt.