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Recensionen.
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wir wären begierig zu wissen, warum denn Herr Dr. Geiger dieses Be-
kenntiriß N. nicht in sein Werk ausgenommen hat. Vielleicht deswegen,
weil dies Bekenntnis; gar nicht vorhanden ist? weit umgekehrt der
Augenspiegel, die Antwort auf Pfefferkorn's Schmähschrift, eher einen
Rückschritt zur Missive denn eine Aufrechterhaltung der im ״Gutach-
ten" ausgesprochenen humanen Ideen im Gegensatz zum ״Sendschrei-
den" bedeutet? Auch im Ton ist kaum ein merklicher Unterschied zwi-
scheu den Dominikanern und R uchlin, und wenn wir die erasmischen,
doch gewiß bissigern und boshaftern Libelle lesen, so könnte man, was
Schliff und Annruth der Polemik betrifft, glauben, es läge ein Zeitraum
von Jahrhunderten zwischen diesen beiden ״Augen Deutschlands." Ge-
radezu läppisch ist z. B. die Ketzerriecherei gegen Ortnin Gratius, weil
dieser Maria alma Jovis maler genannt hat *).
Selbst im großen Heere der Reuchlinisten gab es nur wenige, welche
die Tragweite des Handels begriffen; den meisten waren die Judenbücher
gleichgültig, und sie stellten sich in den epistolis illustrium virorum nur
deswegen in Reih und Glied zur Abwehr, weil Reuchlin's Name eine
Standarte der Humanisten war. Nur Hutten^) und Crotus gaben mit
י ) Obgleich vielleicht der Lärm um diese Nedefloskel zusammen mit der
lutherischen Bewegung die heidnische Mythologie aus den Briefen und Ge-
dichten der Humanisten verscheucht hat.
2 ) Bekanntlich hat sich Ulrich v. Hutten mit einem Gedicht an den
Kardinal Hadrian gewandt zur Förderung Reuchlin's ; im Titel nennt er
ihn paU0 ׳ nu3 Germanoriim. Böcking und Strauß halten diesen Adrian
für bcu Kardinal Adrian v. Utrecht, den späteren Adrian VI. Geiger sagt
״ das ist sicher nicht der Fall." Wir haben nicht die Absicht, die Sache
hier zur Entscheidung zu bringen, aber die Gründe Geiger's gegen Strauß
scheinen uns wenig stichhaltig. 1) Ist Adrian ein Niederländer und kein
Deutscher; 2) ist er ein Gönner Hochslratens, und Hutten beschimpft diesen;
3) war A. Dominikaner und Hutten schildert ihre Schandthaten mit bren-
nenden Farben. Ad 1 haben wir zu bemerken, daß Hutten den Erasmus
das Auge Deutschlands nennt, und doch verstand dieser keinen deutschen
Buchstaben. Das deutsche Reich war eben ein weiter Begriff, in dem vieles
Platz hatte; ad 2 und 3 hat sich Pirkheimer nicht gescheut, an Adrian VI.,
als er auf den pabftitdjen Stuhl kam, ein Schreiben zu richten, in welchem
er die lutherischen Wirren den Dominikanern zur Last legte; alles Unheil
hätten sie und ihre Kompliecen angestiftet. Pirkheimer, der feiste nürnber-
gische Nathsherr, war sehr vorsichtig. Es muß also — und das wissen
wir auch anderweitig — mit dein Fanatismus Adrians nicht so arg gewe-