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Responsen den Namen des deutschen Gelehrten zu bestimmen,
der mit Hrabanus im Verkehr gestanden hat 1 .
Inzwischen aber hat bereits Joh. Bapt. Hablitzel festgestellt 2 ,
daß das von Hrabanus benutzte Werk ״ des gegenwärtig blühenden
Hebräers" die in den Werken des Hieronymus überlieferten Quaestiones
hebraicae in libros Regum et Paralipomenon (Migne XXIII, 1329)
gewesen sind.
Das Gleiche gilt von der Stelle in der glossa interlinearis zu
Matthäus 5 22 , wo Hrabanus bei der Erklärung des Wortes Racha
sagt: ,,Wahrscheinlicher ist aber, was ich von einem Hebräer gehört
habe, daß Racha ein mißbilligender Ausruf ist, welcher die ärgerliche
Stimmung ausdrückt". Diese Erklärung geht ebensowenig auf eine
mündliche Aeußerung eines Zeitgenossen zurück, sondern stammt
von Claudius von Tours, der sie der Schrift des Augustinus de
consensu evangelistarum über I, cap. 9, Nr. 23 (Migne XXXIV,
1240 f.) entnommen hat 3 .
Die mannigfachen Angaben über seine Kenntnis des Hebräischen
und die Heranziehung eines zeitgenössischen Juden zur Erklärung
der Bibel müssen also aus der Lebensgeschichte des Hrabanus Maurus
gestrichen werden.
Der Verkehr mit einem jüdischen Gelehrten ist aber auch schon
deshalb ausgeschlossen, da der erste in Deutschland bekannte jüdische
Schriftgelehrte Moses ,,der Alte", der Sohn des Kalonymos erst nach
der'Mitte des neunten Jahrhunderts von Lucca nach Mainz über-
gesiedelt ist. Moses ,,der Alte^ ist in Süditalien der Schüler des
Aaron ben Salomo gewesen, der um das Jahr 850 hier geblüht hat 4 .
Sein Urenkel, der Paitan Mose ben Kalonymos ben Jekutiel ben
Mose hasaken gibt im Sulath die Zeit nach 968 als seine Lebens-
zeit an 5 , sodaß sein Urgroßvater Mose nach 850 gelebt haben muß.
Die Mitteilung, die Carmoly in einer Handschrift als Jahr der Ueber-
siedelung Moses des Alten nach Mainz, 719 nach der Tempelzer-
Störung ( תשי״ם ), gefunden hat, ist wohl in das Jahr 789 ( תשפ״ט ) ab-
zuändern, so daß es sich also um das Jahr 857 handelt. Die Angabe
bei Salomo Luria (Responsum Nr. 29), daß die Einwanderung in
Mainz im Jahre 849 ( תתמ״ס ) nach der Tempelzerstörung stattge-
funden, ist entweder als Jahresangabe nach der christlichen Zeit-
rechnung zu verstehen oder in das Jahr 789 d. h. 857 ( תשפ״ט ) zu ver-
bessern. Der ,,König Karlo", der Mose den ,,Alten" von der Lom-
bardei oder von Lücca nach Mainz gebracht hat, ist also Karl, der
Sohn Pippins von Aquitanien, der Enkel Ludwigs des Frommen,
der von 856—863 Erzbischof von Mainz gewesen ist. Allerdings ist
aus den sehr mangelhaften Ueberlieferungen über Erzbischof Karl
nicht zu entnehmen, daß er persönlich in der Lombardei gewesen
1 Vorn. Heimatsrecht der deutschen Juden 1921 S. 9.
2 Hrabanus Maurus, Ein Beitrag zur Geschichte der mittelalterlichen
Exegese, Freiburg 1906 (Biblische Studien XI, 3) S. 9.
3 Anton E. Schönbach, Ueber einige Evangelienkommentare des
Mittelalters (Sitzungsberichte der phil.-hist. Klasse der K. Akademie der
Wissensch., Wien 1903, 146. Band) S. 13 ל f.
4 David Kaufmann, Ges. Schriften III, S. 5 ff; Graetz, Geschichte V ?i
468 nach Mscr. Paris.
5 Leopold Zunz, Literaturgeschichte, S. 107.
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