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objektiv darlegen“. Es soll anerkannt werden, daß ein Bemühen, ob-
jektiv zu sein, hie und da hervortritt; Allein, das bei den protestantischen
Gelehrten sich häufig zeigende Bestreben* die eine Seite schwärzer zu malen,
um die andere umso glänzender erscheinen zu lassen, tritt auch in dem Werke
von Strack und Billerbeck nicht selten in die Erscheinung. Hätten diese die
Anschauungen und das Leben der Juden im neutestamentlichen Zeitalter
mit wirklicher Objektivität, mit völliger Unparteilichkeit und wohl-
wollendem Verständnis für Zeit und Umstände betrachtet und dargelegt,
so wäre es durchaus nicht nötig gewesen, sich nachdrücklich dagegen zu ver-
wahren, ״ daß aus dem hier (z. B. zur Bergpredigt) Gesammelten auf die gegen-
wärtig wirklich oder angeblich innerhalb des Judentums geltenden An-
schauungen ein Schluß gezogen werde“. Gewiß ist diese Verwahrung
wissenschaftlich berechtigt, da die nachtalmudische Zeit, insbesondere
die so hoch stehende ethische Literatur des Mittelalters, dem Plane
des Werkes gemäß nicht berücksichtigt ist und daher ein einigermaßen
vollständiges Bild von dem Reichtum der jüdischen - Ethik nicht
gegeben werden konnte; daß der Vorbehalt nicht nur aus Wissenschaft-
liehen Gründen notwendig war, bedarf leider nicht des Beweises. Wir sind
jedoch der Meinung, daß Glauben, Anschauungen und Leben der Juden auch
in talmudischer Zeit einen Vergleich mit Glauben, Anschauungen und Leben
der Christenheit im 20. Jahrhundert nicht zu scheuen brauchen.
Im folgenden seien zunächst jene Stellen besprochen, an denen etwas
mehr Objektivität gegenüber dem jüdischen Standpunkt wünschenswert
gewesen wäre.
S. 180 unter G. 2 wird gesagt, daß Jesus den Ausdruck ,,Gottesherrschaft“
wohl nicht selbst gebildet, aber vertieft, erweitert und mit neuem Inhalt
erfüllt habe. Was auf den folgenden Seiten zum Beweis für diese Behauptung
angeführt wird, erweist sich bei näherer Prüfung als nicht zutreffend. Der
Kürze wegen sei bloß folgendes dargetan. S. 181 unter b wird ausgeführt,
die ,,Gottesherrschaft“ als die Summe aller messianischen Heilsgüter sei in
Jesu Reden ausschließlich ein eschatologischer Begriff. Der rabbinische
Begriff מ^כוח שמים Wird S. 172 f. definiert als ״ die Herrschergewalt, die Gott
durch die Offenbarung seines Namens und seines Willens über seine Bekenner
ausübt“. ,,Bei der מ״ש handelt es sich in der Tat um Bindung der Gewissen
im Gehorsam gegen Gott, mit anderen Worten, die מ״ש hat zu allererst ihre
Stätte in den Herzen der Menschen.“ ״ Die Gottesherrschaft realisiert sich
eben überall da, wo sich ein Mensch bewußterweise dem Willen Gottes in
Gehorsam unterstellt.“ Ganz richtig. Der Ausdruck מ״ש wird in der Tat nur
dort gebraucht, wo es sich um diesen nicht eschatologischen Begriff handelt.
Wohl wird auch von der ,,Gottesherrschaft“ gesprochen, wo es sich nicht
auf Gegenwärtiges, sondern auf Zukünftiges, Eschatologisches bezieht. Es
ist das gewöhnlich der Fall bei der Deutung jener Bibelstellen, die von der
Zeit sprechen, in der Gott infolge der Anerkennung seitens aller Menschen
und Völker König sein wird über die ganze Erde, und in einigen Gebetstückeri,
in denen um• das Kommen jener Zeit gebetet wird (s. S. 178 f.). Der Ausdruck
מ״ש kommt jedoch an diesen Stellen nicht zur Anwendung- Wo ferner in der
rabbinisehen Literatur von den Heilsgütern und Heilszuständen die Rede
ist, die mit der Gottesherrschaft im eschatologischen Sinne verbunden ge-
dacht werden, finden sich nur die Ausdrücke ימות •המשיח und העולם הבא
(letzterer auch für das Himmelreich der Seelen). Mit diesen Begriffen decken
sich inhaltlich fast alle Stellen über das Reich Gottes oder des Himmels in den
Reden Jesu. Wie kann also bei diesem Sachverhalte ein Gegensatz zwischen
J. und den Rabbinen konstruiert werden, indem gesagt wird: ״ In den Worten
J. tritt die Gottesherrschaft in erster Linie gebend, nicht fordernd an den
Menschen heran. Nicht darauf liegt der Nachdruck, daß die Gottesherrschaft
für Gott etwas suche, sondern daß sie die Beseligung des Menschen bez 1 wecke.
.... . . . Im Vordergründe des rabbinisehen Begriffes מ״ש steht der Gedanke
an das, was der Mensch der Gottheit schuldig ist, nämlich Anerkennung,
Unterwerfung, Gehorsam. Und wenn mit der vollen Entfaltung der Gottes-
herrschaft auch die Heilszeit mit allen ihren Gütern und Segnungen änhebt,
so liegt doch dies beseligende Moment nicht in dem Begriffe der מ 8 ש selbst.
Das Heil ist die Folge der Gottesherrschaft, aber nicht die Gottesherrschaft
selbst.“ Sind ׳ ימות המשיח und העה״ב eine Forderung, die der Mensch zu er-