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Analekten.
des Dichters, da der Geschichtsschreiber keinen andern Beruf
hat, als das Material, das außer ihm liegt, aufzusuchen uud zu
gruppiren; seine kombinatorische Kraft muß sich darauf be-
schränken, aus dem vorhandenen Stoffe möglichst viel herauszu-
lesen, aber womöglich gar nichts hineinzulesen. Es ist wahr,
absolut objektive Geschichtschreibung ist nur ein Ideal, ein stets
zu erstrebendes, aber nie zu erreichendes Musterbild; denn selbst
wer nur Thatsachen giebt, dem führt seine subjektive Meinung
bei der Gruppirung derselben die Feder; man kann scheinbar
leidenschaftlos und ohne Vorurtheil berichten und gerade in
dieser Fassung erst recht wirksam für persönliche Ansichten Pro-
paganda machen; oft formt sogar gegen unsere Absicht unser
subjektives Meinen die Darstellung, und ״was sie so den Geist
der Zeit nennen, das ist im Grunde nur der Herren eigener
Geist, iit dem die Zeiten sich bespiegeln." Aber Hr. Nodriguez
geht mit Bewußtsein freimüthig darüber hinaus, und indem er seine
Phantasie in Erfindung von Thatsachen, welche ihm den in Rede
stehenden Menschen angemessen erscheinen, frei walten läßt,
glaubt er gerade so wirklich Geschichte zu schreiben, obgleich sein
Werk einem historischen Noinan ähnlicher sieht. Und vielleicht
ist diese Methode nirgends so berechtigt als in der Geschichte
des Urchristenthums. Es ist gesagt worden, daß Caesar von
Sheakspeare treuer gezeichnet sei, als von irgend einem Geschicht-
schreiber, und dies kann ja wol nur bedeuten, daß der Charakter
aus den von Sheakspeare erdichteten Thatsachen deutlicher heraus-
trete, als aus den uns überlieferten. Nun ist positiv Si-
cheres über Jesus und seine Jünger so wenig vorhanden, die
Quellen sind so getrübt, die Nachrichten sind so entstellt, weil
zum beliebigen Gebrauch der herrschenden Richtung zugestutzt,
daß der hervorragendste Biograph Jesu behaupten durfte, es
gäbe keine historische Person, von der man weniger wisse, als
von diesem; und dies ist im Grunde ja nur eine euphemistische
Umschreibung des Satzes: Christus ist eine mythische Persönlich-
keit in historischer Zeit. Auf die Frage ״was dünkt Euch um
Christus und seine Lehre," läßt sich streng wissenschaftlich nur
unbefriedigend antworten. Aber diese Frage ist dringend in
einem Zeitalter, wo mehrere hundert Millionen dieser Lehre an-
hangen und das Verlangen immer mächtiger wird, zu den ur-