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Gm Wort über bas jüdische Gebet.
nutzt wurden, insbesondere aber dem Zwecke dienten, daß in
ihnen an Sabbaten, Festtagen und auch an jedem zweiten und
fünften Tage der Woche, an welchen Tagen die Landleute nach
den Städten zu kommen pflegten, Vorlesungen ans der Tora,
öfter auch aus den Propheten mit den sich daran anschließenden
Erläuterungen — dem Ursprung für unsere heutigen Predigten —,
gehalten wurden, und ein gemeinschaftlicher Gottesdienst statt-
fand. Die Einrichtung der Synagoge und des Gottesdienstes
scheint sehr einfach gewesen zu seirr, und war es dabei am
allerwenigsten darauf abgesehen, die Sinne gefangen zu nehmen.
Wo der Geist sich bilden, das Herz sich erwärmen soll, darf das
Auge nicht geblendet, das Ohr nicht betäubt werden. Es dürfte
jedoch erst allmälig dahin gekommen sein, daß überall und all-
täglich in diesen Synagogen am Morgen und vor Abend ein
Gottesdienst veranstaltet wurde, und zwar um die Zeit, in
welcher im Tempel das tägliche Opfer dargebracht wurde, so
daß die Synagoge in einem gewissen Sinne den Tempel, das
Gebet das Opfer vorstellen sollte, und darum auch an Sabbaten
und Festtagen, wo im Tempel noch ein besonderes Festopfer
dargebracht wurde, in den Synagogen ein besonderer Festgottes-
dienst, »pia, hinzukam. Die Mischna berichtet, daß nach einer
alten Institution, wie die Priester und Leviten in 24 Classen,
von denen eine jede in jeder Woche abwechselnd den Tempel-
dienst verrichtete, so auch Palästina in 24 Kreise getheilt war,
von denen ebenfalls ein jeder in jeder Woche abwechselnd beim
Opferdienst im Tempel sich vertreten ließ, damit das für Israel
dargebrachte Opfer in der Gegenwart der Vertretung desselben,
der ״ מעטרות des Beistandes", vollzogen würde. In der Woche,
in der die Vertreter eines Kreises dem Opferdienst in Jerusalem
anwohnten, versammelten sich die Bewohner des vertretenen
Bezirkes in den Synagogen der Kreisstadt, um aus der Tora
zu lesen und einen Gottesdienst abzuhalten. Anfangs dürfte