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Ein Wort über das jüdische Gebet.
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wohl nur während einer bestimmten Woche ein täglicher Gottes-
dienst in der Synagoge des Bezirkes, der gerade in Jerusalem
durch Delegirte vertreten war, nach dem Vorbilde des Gottes-
dienstes im Tempel stattgefunden haben, indeß erst später, nach'
dem man sich in dieser Weise an einen täglichen synagogalen
Gottesdienst gewöhnt hatte, allinälig in den Synagogen aller
Bezirke Woche für Woche ein täglicher Gottesdienst veranstaltet
wurde. Die מעמחת , die Vertreter eines Kreises in Jerusalem,
wie wohl auch die Mitglieder des vertretenen Kreises in der
Heimath, pflegten in der Woche, in der die Reihe an sie kam,
täglich von Montag bis Donnerstag zu fasten, und verrichteten
dann, wie es auch sonst am Versöhnungstage und anderen
Fasttagen üblich war, beim Untergang der Sonne noch ein
besonderes Schluß- oder Abendgebet, תפלת געילה • Nach einer
wohl zu beachtenden Relation sollen sie ebenfalls, wie an anderen
Fasttagen, auch gegen Mittag einen besonderen Gottesdienst
veranstaltet haben. In der Bibel lesen wir, daß Daniel drei
Mal des Tages, mit dem Antlitz gen Jerusalem gewendet, gebetet
habe, und im 55. Psalm heißt es: ״ Abends, Morgens und
Mittags bete und flehe ich, und er hört auf meine Stimme".
Hieraus sollte man entnehmen, daß in einer früheren Zeit Ein-
zelne drei Mal des Tages, Morgens, Mittags und Abends
gebetet hätten, ohne sich streng an den Opferritus gehalten zu
haben, der nur zwei Mal des Tages stattfand. Von späterer
Zeit wissen wir, daß Viele neben dem Minchagebet noch ein
besonderes Abendgebet sprachen, wozu ebenfalls der Tempel»
dienst keine genügende Analogie bot; denn das Minchagebet
entsprach dem Minchaopfer» das eigentlich ein Abendopfer vor-
stellen sollte, später aber gewöhnlich gegen drei Uhr Nachmittags,
zuweilen jedoch erst vor Abend, und zuweilen schon kurz nach
Mittag verrichtet wurde. Hiernach wären wir vielleicht zur
Annahme berechtigt, daß für die Bestimmung der Zeit und der