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Ein Wort üb« das jüdische Gebet. 11S
nach gleichsam ein drei Mal gesprochenes Abendgebet wären,
so muß dennoch hierbei, wie überall, nicht sowohl der Ur-
sprung, als der Gang der religiös.historischen Entwicklung in
Betracht gezogen und gewürdigt werden.
Zu einem beständigen, regelrnäßigen, öffentlichen Gottesdienst
gehören aber auch feststehende, fixirte Gebete, die, dem Charakter
der Oeffentlichkeit gemäß, allgemein gehalten sein müssen, die
Bedürfnisse der Gesammtheit ins Auge fassen, und das Gefühl
für die nationalen Güter, die confessionelle Zusammengehörigkeit
wecken und stärken. Der gemeinsame synagogale Gottesdienst,
in der hebräischen Sprache gehalten, wurde ja auch der Mittel-
punkt des jüdisch-religiösen Lebens, wodurch ganz Israel, so zer-
streut es auch nach allen Weltgegenden gewesen sein mag, geeint
und zusammengehalten, an seine hohe Abkunft, an seine nach
Jahrtausenden zählende Vergangenheit und anseine weltgeschicht-
liche Sendung erinnert wurde. Allerdings verbinden wir mit
dem Ausdruck ״Synagoge" keineswegs die Vorstellung vom
Inbegriff des Judenthums in einem Sinne, wie das Wort
״Kirche" gebraucht wird, indem die jüdische Religion das ganze
Dasein umfaßt, das Leben in der Gesellschaft und in der Familie
nicht minder, als im Gotteshaus. Das jüdische Gebet hat sich
daher die Aufgabe gestellt, im Anschluß an das ״Höre Israel',
das Bekenntniß von der Einheit Gottes und der Verpflichtung,
ihn mit voller Hingebung zu lieben, die Grundideen der jüdischen
Religion zum Bewußtsein zu bringen, den Israeliten in seinenr
Glauben und Gottvertrauen zu befestigen, und ihn zu einem
frommen, sittlichen Lebenswandel anzuleiten. Eigene, individuelle
Wünsche zum Ausdruck zu bringen, mar dem Belieben jedes
Einzelnen anheimgegeben, und man pflegte dieselben in einem
an das Hauptgebet sich anschließenden }Wir» ״Flehen" niederzu-
legen, oder auch in eine geeignete Stelle des Hauptgebetes ein-
zuschalten. Das Hauptgebet wurde Anfangs wohl nur vom