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Dio Vorlesungen Ifarnacks über das Wesen dos Christenthums. 251
Schuld bereut hat, zu sprechen : ״gedenke dessen, was du
früher' gethan“ und den der Seligkeit für unwerth erklärt,
״der sich Ehre zu verschaffen sucht durch Herabsetzung An-
derer“. Und der Schlusssatz der Parabel Jesu findot sich
nahezu gleichlautend im Talmud mit den Worten ״wer sich
selbst niedrig stellt, den erhöht Gott und wer sich hoch-
stellt, den erniedrigt er“ 1 2 ־).
Die Schrifbgelohrten haben ferner denjenigen, ״der von
seinen Sünden zum Guten sich erhöht, als grösser bozoich-
net, wie den vollendeten Gerechten“ und in Bezug auf dio
freiwilligen religiöson Lcistungon gelehrt, ״mag der Eine
mehr, der Andere weniger thun, wenn nur das Herz auf
Gott gerichtet ist“. ״Dieses ist es vor Allem, was Gott von
denen, die ihm dienen wollen, verlangt“ צ }.
Es entsprach dem didaktischen Zwecke dioser Er»
Zahlung, dass Jesus als Vertreter einer, hoi aller Beobach״
tung der vorgeschriebenen Pflichten, ihrem wahren Ziele fer״
nen Frömmigkeit einen Pharisäer wählte, wie in der ähnlichen
Parabel vom barmherzigen Samariter 3 ) als Beispiele der Un-
barmherzigkeit einen Priester und einen Leviten. Beide Pa״
rabcln wollen dio Lehre geben, dass auch die Angehörigen
solcher Stände, deren Beruf ihnen besonders hohe und hoi-
lige Aufgaben zuweist, oft die einfachsten Pflichten nicht
erfüllen, oder der wahren, lauteren und guten Gesinnung
ermangeln, und dass andererseits Menschon solche hokun-
den und als gütig und liebevoll sieh erweisen, von denen
wir es am wenigsten erwartet hätten 4 ).
Beide Erzählungen geben uns nicht T h a t s a c 11 0 n
der Erfahrung, 8 i 0 8 i n d keine persönlichen
Erlebnisse Jesu, sondern Parabeln, Dichtungen,
ersonnen für ihren lehrhaften Zweck״ Darüber
ging die spätere christliche Auffassung zumeist hinweg und
fasste sie als charakteristische Schilderungen der Pharisäer,
wie der Priester und Leviten auf. Sie bildete sich daraus
ihr abstossendes Bild von diesen und nannte dio Heu״
chelei und die Scheinheiligkeit, dio äasserliche und zur
*) Talm. b. Sota 22b, Aboda sara 20b, Baba me2ia 59a und
Mischna 4, 10. Midr, Ber. rabba c. 1. T. b, Erubin 13b,
2 ) T. b. Sanuedrin 99a, Menachot 110a, Boraoh. 5b, 17b, San-
hedrin 106b.
Lucas 10, 30—37,
4 ) Eine Reihe ähnlicher ErzühLuugen s. Talm. Jer. Taanith 1, 4,
Babli 20—25.