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Zunz im Verkehr mit Behörden
und Hochgestellten.
Von Ludwig Geiger.
Der Altmeister der Wissenschaft des Judentums,. Leopold
Zunz, lebte keineswegs bloß in seinen Bücherhaufen and abseits
der Welt. Vielmehr hatte er ein ziemlich allgemeines literarisches
und ein hohes politisches Interesse, Wenn er auch, ähnlich wie Goethe
zu verschiedenen Zeiten seines Lebens und besonders in seinem
Alter die stehende Redewendung brauchte, daß er keine Zeitung
lese, so ist diese Äußerung nicht wörtlich zu nehmen. Denn er
las bis zuletzt Zeitungen so genau, daß er nicht nur über die
politischen Vorgänge, sondern auch über die Stadtneuigkeiten
unterrichtet war, ja, er studierte sogar die Annoncen so eifrig,
daß er sich Ausschnitte daraus machte, komische Anzeigen auf-
bewahrte und durch den Druck besonders auffällige Notizen
gelegentlich in Briefen an seine Vertrauten anklebte.
Politik aber beschäftigte ihn im höchsten Maße. Er war ein
freisinniger, ja geradezu demokratisch gesinnter Mann, ein Muster-
Deutscher, wenn er auch gelegentlich im Gespräch und in der
Korrespondenz ein Scheltwort gegen die »Teitschen« wagte und
andere Nationen über sie erhob. Sein politisches Credo war
grimmiger Haß gegen Österreich und das Papsttum; Garibaldi
war sein Held; mit diesem in Rom einzuziehen sein Ideal. In
deutschen Verhältnissen bewährte er stets seinen Freisinn. Er
tat dies schon als Redakteur der Spenerschen Zeitung 1824—31.
Es würde sich einmal lohnen, diese Jahrgänge der Spenerschen
Zeitung genau durchzunehmen, um Zunz 1 Anteil zu sondern.
Freilich das Zeitungsschreiber! von anno dazumal war ganz anders
als heutzutage. Leitartikel, Korrespondenzen, Depeschen gab es
nicht: der Redakteur hatte die Zeitung zu schreiben, d. h. aus