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Besprechungen.
ledigte -1 ). Die nunmehr eintretende Gepflogenheit, auf die Ausbildung
des נ> heiligen Schreines« großen Wert zu legen, ist wiederum eine
Konzession an den katholischen Kirchenbau, über welche die An-
bringung von Gesetzestafeln und vielen Hexagrammen eben nicht hinweg-
täuschen kann. Man beging den Mißgriff, maurische und arabische
Formen zu wählen und verstärkte durch diese Fremdkörper im deutschen
Stadtbilde die Kluft, die uns von den Mitbürgern trennt, auch rein
äußerlich. Dann suchte man sein Heil in gothischen und romanischen
Formen. Viel künstlerisch Wertvolles entstand; aber vergebens wird
man überzeugende Originalität suchen, besonders in den Einzelheiten
des Bauwerkes, die zwar offenbaren, wie glänzend der Erbauer arabische
altchristliche, romanische oder gothische Motive zu meistern verstand,
aber, vom rein originell-künstlerischen Standpunkte betrachtet, denn
doch kalt lassen. Gibt es denn ־— so mußte man sich fragen — keine
jüdischen Motive, sind Gesetzestafeln und Davidstern das Alpha
und Omega der Phantasie und Erfindungskraft eines Volkes mit so
reicher Vergangenheit und uralter Kultur?
Diese Frage, deren Lösung vorsichtig tastend zuerst und unter
der hoch einzuschätzenden Mitwirkung des Wiener Rabb. Dr. M. Grün-
wald ' * 2 ) bei dem Neubau der Synagoge in Szegedin gelöst wurde, be-
antwortet Körner in geradezu klassischer Weise bei seinem Essener
Bau. Zwar ist dieser nicht der erste, wirklich originelle Kultbau der
neuesten Zeit. Die Synagogen des XX. Jahrhunderts zeigen vielmehr
fast durchweg das Bestreben, sowohl im Äußeren als auch in der
Raumgestaltung neue Baugedanken auszudrücken; indessen wird man
diese zwar als charakteristisch synagogal gelten lassen können, sie
jedoch nicht frei von gewissen stilistischen Anklängen an christlich-
kirchliche Baukunst erklären müssen. Erst Jürgensen 8! Bachmann haben
in ihrer reizvollen Frankfurter Synagoge an der Friedberger Allee
sich gänzlich von dieser Tradition losgelöst und ein Werk geschaffen,
das höchst eigenartige, originelle Stilformen zeigt, wobei die Lösung
durch strenge Innehaltung konservativer Forderungen (Almemor,
Emporengitter) erschwert erscheinen mußte. Gänzlich unabhängig von
diesem schönen ersten Versuche erscheint die Synagoge zu Essen.
J ) Man beseitigte indessen diese viel Platz raubende Estrade viel-
fach auch darum, um möglichst viel Plätze zu gewinnen.
2 ) jüd. Volkskunde, XIII, 37.