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Robert Arnold Fritzsche
gewannen sie nur den Schein der Sicherheit, so gingen sie in die Irre. „Die
Geometrie beläßt den Geist in der Verfassung, in der sie ihn antrifft." x ) Aber
das Vorbild der Mathematik bleibt darum doch unangetastet, und wo die mathe¬
matische Demonstration nicht zu erreichen war, da sollte die Bildkraft der
Analysis helfen. So erläutern bei Leibniz die Ordinaten der Hyperbel und des
Dreiecks zwei Möglichkeiten des Wachstums zu „mehrerer Ausdehnung",
während das Rechteck die „immer gleiche Vollkommenheit" andeutet: er hofft,
von da aus könne Licht fallen auf ein so schwieriges ethisch-religiöses Problem
wie die Lehre von den „ewigen Strafen". 2 ) Wir wissen, wie lebhaft, wie inner¬
lich beteiligt Lessiug das aufnahm. Es war noch viel in ihm von dem denk¬
mutigen Geiste des „mathematischen", des 17. Jahrhunderts, obwohl nicht
mehr das arglose Vertrauen, das Leibniz der „Strenge der Beweisführung" noch
entgegenbrachte. 3 ) Jene andere Form der Wahrheit nämlich, die aus dem
tätigen und leidenden Umgang der Menschen sich heraufringt, sie verlangt einen
ganz neuen Ansatz, und, wo sie zwingend wird, wird sie's nicht mathematisch.
Man muß schon in die Einsamkeit gehen oder zu wenigen Gleichgesinnten,
um jene vorgestellte oder vorgespielte Reinheit der Erkenntnis zusammen mit
dieser unversehrten Reinheit des Willens an sich zu erfahren.
„AI Hafi, mache, daß du bald
In deine Wüste kömmst Ich fürchte,
Grad' unter Menschen möchtest du, ein Mensch
Zu sein, verlernen." (I, 3.)
Nathan würdigt das sittliche Ungestüm in diesem Derwisch:
„Wilder, guter, edler —
Wie nenn ich ihn?" (II, 9.)
Nathan selbst ist nicht „wild". Er gehört zu denen, die „Gott in allen
Stätten und in allen Straßen und bei allen Leuten haben". 4 ) Lessing wußte,
was Einsamkeit heißt, vereinsamend zwischen Juden und Christen, zwischen
Aufklärern und Rechtgläubigen, zumal gegen das Ende seines Lebens, und doch
hat er ein Drama der Geselligkeit gedichtet. (Schluß folgt)
*■) Voltaire, Siecle de Louis XIV, Chap. 3l. („La geometrie laisse l'esprit comme eile
le trouve.")
2 ) Lessing (Hempel) XVIII, S. 87 ff. In der Theodicee S 272 wird die Asymptote heran¬
gezogen zur Erläuterung einer stetig abnehmenden, doch nie aufhörenden Pein.
3) Vgl. das Zitat bei Lessing, XVIII, S. 89.
*) Meister Eckharl: „Reden der Unterscheidung", 6. Vgl. auch Spinoza Eth. IV. App.
Cap. i3 und Propos. 35, Scholium.
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