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E. v. Aster
die Entdeckung machte, daß hinter den hysterischen Symptomen „vergessene",
dem Patienten weder an sich, noch in ihrer Beziehung zur Krankheit bewußte
Erlebnisse seines vergangenen Lebens stecken, daß diese Symptome Wieder¬
holungen jener Erlebnisse oder gegen sie gerichtete Abwehrhandlungen waren.
Warum kann der Patient dieser doch in ihm wirksamen Tatsachen seiner Ver¬
gangenheit sich nicht bewußt erinnern, warum kann er sie in dieser veränderten
Gestalt nicht wiedererkennen? Breuers Theorie nahm an, daß es sich hier um
Erlebnisse handle, die in einer Art Dämmerzustand, einem „hypnoiden" Zu¬
stand erlebt wurden, zu denen eben darum kein Weg, kein „assoziatives Band"
vom Normalbewußtsein aus führe: darum mußte der Patient in hypnotischen
Zustand versetzt werden, um jene Erinnerungen wieder zu wecken. Die
Freudsche Psychoanalyse im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin, der „Katharsis"
Breuers, beginnt mit zwei Dingen: damit, daß Freud die Hypnose in der Be¬
handlung fallen läßt, in der Überzeugung, daß es möglich sein müsse, den
Patienten auch im Wachen zur Erinnerung zu bringen — und mit der Ein¬
sicht, daß hinter der Erinnerungslücke des Patienten nicht der Mangel einer
assoziativen Brücke, sondern eine Art Aktivität, in gewissem Sinn ein sich nicht
Erinnern-wollen, ein Ausweichen vor dem Bewußtwerden der fraglichen Er¬
innerung, ein „Verdrängen" steckt Indem aber Freud so den psycho¬
analytischen Verdrängungsbegriff schuf, tat er den wichtigen Schritt von der
üblichen Vorstellungs- und Assoziationspsychologie zu einer „Triebpsycho¬
logie", einer Psychologie, die das Zentrum, den treibenden ursächlichen Grund¬
faktor des Seelenlebens im Trieb erblickt Denn darin liegt die große Bedeu¬
tung Freuds für die Psychologie der Gegenwart: sie ist der erste konsequent
durchgeführte und durchdachte Versuch einer solchen Psychologie. Unsere
ganze bisherige Psychologie war immer noch (trotz des bisweilen angewandten
Schlagwortes „Voluntarismus") eine „Vorstellungsmechanik" nach dem Vor¬
bild der englischen Assoziationspsychologie des 18. Jahrhunderts, wenigstens
soweit sie Erklärung, Kausalerklärung des seelischen Lebens sein wollte.
Es ist bedeutsam, daß heute, da die Assoziationspsychologie versagt, da man
unwiderruflich eingesehen hat, daß diese den physikalischen Atomen nach¬
gebildeten, nach den Assoziationsgesetzen sich vergesellschaftenden und tren¬
nenden Vorstellungen ein unzureichendes Schema an die Stelle der lebendigen
seelischen Wirklichkeit setzen, die Neigung besteht, Psychologie in eine nur
beschreibende Disziplin, eine Beschreibung von Typen aufzulösen. Der
Wert des hier Geleisteten, der Werke von Spranger oder Jaspers etwa, soll
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