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Aus den Jugenderinnerungen Steinthals
mit einer Vorbemerkung
Von
Leo Baedt
Vorbemerkung: Heymann Steinthal gehört zu den
wenigen Forschern der vorigen Generation, deren Gedanken
in unsere Tage hineinreichen. Nach zwei Richtungen er¬
streckt sich sein Einfluß.
Zunächst zur modernen Psychologie hin. In der
psychologischen Wissenschaft seiner Zeit hatte Steinthal den
besonderen Platz dadurch, daß er die lebendige Kraft und
die funktionelle Bedeutung erkannte, die jedem der Seele
eingefügten Bewußtseinsinhalt zukommt, und daß er die
wirksamen Zusammenhänge von Erlebnis und Erinnerung
aufzeigte, die sich daraus ergeben. Er hatte dargelegt, wie
„die Seele von ihren Reaktionen beherrscht wird"; denn
deren jede behält „eine bestimmte Selbständigkeit in der
Seele, eine Existenz in irgendeiner Form und von einer ge¬
wissen Macht, sich in der Seele zu betätigen". Eine deut¬
liche Linie führt von hier zur Tiefenpsychologie und Psycho¬
analyse wie auch zur Charakterologie der Gegenwart.
Die andere Richtung ist die in der Wissenschaft von
der Sprache. Steinthal hatte ihrem Werden und Wesen
vor allem von der Beobachtung seelischen und worthaften
Ausdrucks, besonders auch am Kinde, nahezukommen ge¬
sucht. Diesem Wege haben sich moderne Pädagogen wie¬
der zugewandt, ganz besonders der erste starke Anreger
unserer Arbeits- und Lebensschule, Berthold Otto. Dessen
Lehre von der „Altersmundart" und von der Pädagogik vom
Kinde aus hat von der Steinthalschen Sprachpsychologie ihren
Ausgang genommen; er spricht selbst des öfteren dankbar
davon.
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