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Lösung und Lösungen
Judenschaften ausschließt. „Eine Schlacht ist erst verloren, wenn
man sie verloren glaubt", ist ein Wort, das von dem französir
schen Generalstabschef Foch zitiert wird; man weiß, daß diese
Auffassung in mancherlei geschichtlichen Situationen nicht ohne
Wirkung geblieben ist, selbst wo es sich, wie hier, nicht um einen
Kampf zwischen gleichwertigen Gegnern, sondern um die Hin¬
nahme gesetzgeberischer Akte handelt.
Tatsächlich stellt sich die Lösung der deutschen Judenfrage
nicht so einfach dar. Ihre Reichweite ist erheblich größer als die
des deutschen Judentums selbst. „Deutschlands geistige Stellung
in der Welt, seine Bedeutung als Weltwirtschaftsmacht und seine
politische Geltung unter den Völkern wird nicht zuletzt davon we¬
sentlich bestimmt werden, wieviele Menschen auf der Erde Deutsch
verstehen und sprechen", schreibt der kürzlich veröffentlichte Ar¬
beitsbericht der Deutschen Akademie in München. Die Stellung der
deutschen Juden als Vorkämpfer der Emanzipation hat es seit dem
19. Jahrhundert mit sich gebracht, daß die Juden fast der ganzen
Welt. Deutsch sprachen oder verstanden und damit bewußt oder
sogar unbewußt zu Deutschlands Verbündeten wurden. Damit
reichte eine deutsche Einflußsphäre tatsächlich weit über das
deutsche Sprachgebiet hinaus, im Osten bis tief nach Rußland hin¬
ein, nach Südosten fast über den ganzen Balkan, und selbst nach
Amerika. Das hat sich etwa im Weltkrieg in Ludendorffs jiddi¬
schem Aufruf an die polnischen Juden, nach dem Krieg in man¬
cherlei Verhandlungen mit Amerika gezeigt. Prag z. B. verdankte
seinen deutschen Charakter neben einer schmalen Beamtenschicht
wesentlich der kulturellen Bedeutung der Juden, und es ist nicht
so paradox, wie es scheinen mochte, daß sich noch in den
letzten Wochen nationaltschechische Kundgebungen gegen
Deutsche und Juden richteten. Diese innere Verbundenheit fing
bei der Sprache an, dehnte sich dann aber auch über alle anderen
Gebiete aus. Und sie blieb durchaus nicht auf bloße Sympathien
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