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Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Literatur in Ost und West
Erscheint zweimal im Monat unter Mitwirkung von
Geh. Reg.rRat Prof. Dr. Hermann Cohen / Alexander Eliasberg
Dr. Adolf Friedemann / Geh. Justizrat Dr. Eugen Fuchs
Dr. Franz Oppenheimer
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I. Jahrgang 25. Januar 1916 Heft 8
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Diese Zeitschrift ist ein offener Sprechsaal für Jedermann. Für den
Inhalt der Artikel übernehmen die Autoren selbst die Verantwortung
Politisierung des deutschen Judentums
Von Dr. Adolf Friede m a n n, Berlin
In seinem Aufsatz „Zur Aussprache" in Nr. 1 dieser Zeitschrift vom
10. Oktober y. J. beklagt Geheimrat Dr. Eugen Fuchs die innere Zer¬
rissenheit des deutschen Judentums. „Liest man die Zeitschriften der
verschiedenen jüdischen Richtungen, so glaubt man, daß Orthodoxe und
Freidenker, Zionisten und Antizionisten ein gemeinschaftliches Band
nicht mehr haben, daß sie sich gegenseitig als Juden nicht mehr an¬
erkennen, daß es überhaupt nur jüdische Parteien, nicht mehr ein
Judentum gibt . . . Heute, mehr als je gilt es, die Bedingungen der
Versöhnung klarzustellen . . . Es gilt alle Kräfte zu gemeinsamer. Arbeit,
zu vereinen."
Diese Worte sind allen aus der Seele gesprochen, denen die Ver¬
hältnisse der letzten Jahre schwere Sorgen verursachten und die bei
aller persönlichen ausgesprochenen Stellungnahme zu den jüdischen
Problemen nicht das ganze über seinen Teilen vergaßen. Auf die Dauer
nicht sich die Übertreibung des Parteigeistes auch an der im Augenblick
siegenden Gruppe. Schuld an diesen Verhältnissen sind nicht etwa
Einzelpersonen und einzelne Richtungen. Wäre die Gesamtheit gesund
und würde sie klar die Tatsachen übersehen und die Gefahren er¬
kennen, so müßten Exzesse der einzelnen und allzu scharfe Über¬
treibungen der sachlichen Standpunkte ohne nachhaltigere Einwir¬
kung bleiben. Das Übel muß also seinen Sitz tiefer haben. Es liegt
in der Unsicherheit unserer Gesamtlage in der Gesellschaft und dem
geringen politischen Sinn der großen Mehrheit der deutschen Juden.
Die Emanzipation der Juden in den westliehen Ländern ist im
wesentlichen nicht organisch aus dorn Bedürfnis der Sachlage erwachsen:
sie ist vielmehr das Ergebnis liberaler Gedanken vom Wesen der Oe-