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die nach seiner Meinung «ich zu¬
nächst und vor allem vom Gesichts¬
punkte einer Hebung des Ackerbaues
im weitesten Sinne, d. h. einschlie߬
lich Viehzucht und Gartenbau, leiten
lassen muß, eine Moinung, die man
vielleicht von rein europäischen Ge¬
sichtspunkten aus in mancher Hin¬
sicht bekämpfen könnte, die aber ihre
Kraft aus einem eingehenden Ver¬
ständnis orientalischen Wesens
schöpft und auf diesem Boden keinen
Angriff zu scheuen braucht. Daß er
es nicht unterläßt, auch auf die noch
immer bestehende allgemeine lleehts-
unsicherheit gerade auch in der Frage
des Bodenbesitzrechtes einzugehen
und die Schäden des heutigen länd¬
lichen Kreditwesens — soweit von
einem solchen überhaupt gesprochen
werden kann — aufzudecken, ist um
so verdienstlicher, als gerade in die¬
ser Hinsicht Skepsis, um nicht zu
sagen Pessimismus in weiten Kreisen
in der Türkei wie auch bei uns
herrschen.
Über diesen mehr die reine Land¬
wirtschaft betreffenden Fragen über¬
sieht er jedoch auch nicht die Be¬
deutung der allgemeinen Volksbil¬
dung, an deren Hebung schon heute
in weiten Schichten des Osmanischen
Reiches eifrig und hingebend gear¬
beitet wird. Allerdings bezieht sich
der Verfasser überwiegend auf palä¬
stinensische Verhältnisse, die ihm an¬
scheinend aus eigener Bekanntschaft
eng vertraut sind. Die Allgemcin-
gültigkeit seiner Schlüsse für die
ganze Türkei wirkt daher nicht
immer überzeugend, wenn auch nicht
zu leugnen ist, daß die von ihm ent¬
wickelten Leitgedanken Anspruch
auf Beachtung für alle- Teile des
Reiches sehr wohl erheben können.
Jedoch gerade aus diesem Grunde,
und weil das Buch vorzugsweise
palästinensische Verhältnisse darlegt
und den Weg weist, wie eine Besse¬
rung der allgemeinen Vorschriften
und ein Füllen der alten Anschau¬
ungen mit neuen Gedanken land¬
wirtschaftlichen Siedelungen in Palä¬
stina und im ganzen Osmanischen
Reiche zum Vorteil gereichen muß,
dürfte eine Besprechung des Werkes
an dieser Stelle Interessen entgegen¬
kommen, denen die Ausführungen
des Verfassers weitestgehend gerecht
werden. Ist doch die Frage der
Siedelung in der Türkei nicht nur
für dieses Land selbst von der aller¬
größten Bedeutung, sondern sie be¬
rührt auch auf das engste alle, die
nach dem Kriege vielleicht ge¬
zwungen sein werden, sich eine neue
Heimat zu suchen.
Robert W. Horn, Frankfurt a. M.
Dr. Alfons Paquet:. „Die jüdi¬
schen Kolonien in Pa¬
lästina 44 *)
Die kleine Arbeit ist die Wieder-,
gäbe eines öffentlichen Vortrags,
den der bekannte Orientkenner auf
Veranlassung des Kartells jüdischer
Verbindungen im preußischen Ab¬
geordnetenhaus am 24. März 1915
gehalten hat
Paquet spricht in seiner be¬
kannten Frische und anregenden Art
über die Eindrücke, die er von der
jungen jüdischen Kolonisation im
heiligen Lande empfangen hat und
der er eine erfreuliche. Zukunft vor¬
aussagt. Mit Recht hebt der Ver¬
fasser zum Schlüsse hervor, daß
die jüdischen Zukunftshoffnungen
sich-nur dann erfüllen können, wenn
die Türkei Palästina behält. Ein
französisches Palästina würde ebenso
wie ein englisches die jüdischen
Kulturhoffnungen vernichten, weil
beide Staaten ihre Landessprache
mit Zwang oder auf dem Handels¬
wege zur Umgangssprache machen
würden. Die Engländer würden die
kolonisatorischen Aussichten ver¬
nichtend durchkreuzen, weil sie, wie
in Ägypten, so auch in Palästina, den
besten und ertragreichsten Boden
sich selbst sichern und so eine gro߬
zügige jüdische Besiedclung ver¬
eiteln würden.
In einem Nachwort vom Herbst
1915 plädiert Paquet lebhaft für
die Auswanderung aus Polen und
Litauen nach Palästina und wünscht
den Juden „ein grünes Banner", das
ihnen bei der Wanderung in die alte
Heimat voranziehe. Im Schatten des
türkischen Baumes erhofft er für
sie eine Heimat, nicht im Sinne
jenes Nationalismus, der Völker zer¬
reißt, sondern in dem duldsamen der
morgenländischen Weisen.
*) Gustav Kicpenlieuer Verlag, Weimar,
Preis M. 0,75.
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