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gehörig fühlen, an allen deutschen Interessen mit dem Herzen teilnehmen
und doch eine große politische Volkshilfe auf nationaler Grundlage und
ein jüdisches Palästina mit größtem Nachdruck anstreben kann. Man
kann durchaus in einer Kultur leben und wirken und daneben die
historischen und lebendigen Kräfte einer anderen in sich verarbeiten.
Was man allerdings nicht vermag, das ist, völlig in zwei Kulturen zu
leben, und noch weniger vermag man innerhalb eines starken Kultur¬
milieus eine neue Kulturinsel nur durch den Willen zu schaffen, unter
Verleugnung des Gesetzes von der organischen Entwicklung allen kultu¬
rellen Lebens. Aus einer Kultur kann und soll nationaler Wille er¬
wachsen, aber niemals aus nationalem Wollen eine Kultur im anders-
kulturellen Milieu —-wie sehr man sie auch erstreben mag.
Aus der Erkenntnis dieser Dinge wird sich der Zionismus früher
oder später zum Herzl zurückfinden und wieder mehr seinen politischen
Charakter betonen müssen. Es bieten sich ihm in der Behandlung der
brennenden Frage, was aus der jüdischen Masse werden soll, genug der
Möglichkeiten und Arbeitsnotwendigkeiten. Und mit dieser Selbst¬
besinnung der Partei und dem Nachlassen der Angriffe aus dem anderen
Lager wird sich ganz von selbst der Wunsch nach einem friedlichen
Zusammenleben mit weiten Kreisen der deutschen Judenheit ergeben.
Der Zionismus will das jüdische Volk vertreten. Es ist ein Unding, wenn
er sich dann in seinen Auseinandersetzungen mit den Volksgenossen
nicht auf das sachlich notwendige beschränken wollte. Wir hoffen auf
eine Verständigung, denn das Gegenteil wäre ein furchtbares Unglück
für das ganze Judentum.
Die Lösung der Judenfrage nach dem zionistischen Ideal liegt in
weiter Ferne. Palästina ist heute zur Aufnahme der jüdischen Massen
nicht bereit und schleunigste Hilfe.tut not. Dazu bedarf es der Einigkeit
und des Zusammenarbeitens aller, die es ehrlich meinen und das Ganze
lieben. Wer heute noch der alten Tonart innerer Streitereien oder dem
selbstsüchtigen Abschluß einer Gruppe gegen die andere das Wort redet,
ist ein Tor oder ein schlechter Kerl.
Was wir deutschen Juden lernen müssen, ist das Verständnis für
die anderen und ihre seelischen Beweggründe, sowie ein schlichtes
Selbstgefühl, das uns erlaubt, unseren geraden Weg nach unserer Über¬
zeugung zu gehen, gleichviel was Juden oder Christen davon halten,
ohne doch mit der Art des Vortrags unserer eigenen Ansicht andere
zwecklos zu verletzen. Wir müssen lernen, mit Gegnern da zusammen¬
zuarbeiten, wo die Grundprinzipien das nicht verbieten. Vorläufig sind
wir von der Erreichung dieses Ziels noch weit entfernt, aber es finden
sich doch Ansätze solcher gemeinsamen Arbeit, z. B. bei der Tätigkeit
im Interesse der Ostjuden. Endlich muß die dogmatische Schärfe sich
mildern, zu der heute noch jede Überzeugung nach innen und in der
allgemeinen Politik sich zuspitzt. Gewiß kann man im Alltag nicht jede
Differenz sub specie aetemitatis betrachten; oft ist eine gewisse Rück¬
sichtslosigkeit nicht zu vermeiden, und morsche Mauern kann man nicht
immer abtragen, man muß sie manchmal umwerfen, sonst fallen sie uns