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fortgeschrittenen Arbeiterbevölkerung zum Ausdruck. Dazu isb Lodz,
eine Stadt der Polen, Juden und Deutschen. Über den nationalen
Charakter der Stadt Lodz herrscht Streit in den verschiedenen Lagern.
Die Polen möchten Lodz an und für sich gern als rein polnische Stadt
hinstellen. Allein auch sie können nicht leugnen, daß fast die Hälfte
der Stadt nicht polnischer Nationalität ist. Allerdings fühlen sich wohl
jetzt die meisten Bewohner Polens, auch Lodz', seien es nun Polen,
Deutsche oder Juden, als Bürger des neuen polnischen Staatswesens
und sind bereit, alle Folgerungen aus der neugeschaffenen Lage durch
den 5. November zu ziehen. Das haben auch die Wahlen gezeigt. Der
größte Teil der Bevölkerung hat sich in die Listen eintragen lassen,
um seine staatsbürgerlichen Pflichten vorerst einmal im kommunal-
politischen Sinne zu betätigen. Die Tageszeitungen haben über den
Ausgang der Wahlen bereits berichtet. Von den 60 Mandaten haben die
Nationaljuden im ersten Ansturm 25 Mandate (23 bürger¬
liche, 2 Arbeiter) errungen, und wie durch die Presse bekannt wird,
haben die bürgerlichen Nationaljuden sich zu einer Fraktion mit Stimm¬
zwang zusammengeschlossen. Neben den Nationaljuden sind in anderen
Parteien noch ungefähr 6 Juden gewählt worden, die in vielen politischen
Fragen mit der nationalen Gruppe zusammengehen werden, auch der
eine Bundist. Vielleicht können sie in gewisser Beziehung auch auf die
zwei Neoassimilanten rechnen, die immerhin sich viel stärker als die ähn¬
liche Gruppe in Warschau als Juden fühlen. Dazu kommen noch 8 deut¬
sche Mandate, wobei es keinem Zweifel unterliegt, daß bei einem Wahl¬
abkommen zwischen Deutschen und Juden wahrscheinlich beide Gruppen
noch besser abgeschnitten hätten, obwohl in der letzten Zeit recht
viele Deutsche abgewandert sind. Daß diese nahegelegene Kombination
nicht zustande gekommen ist, liegt aber daran, daß sowohl Juden als
Deutsche durchaus nicht die Absicht hatten, in irgendeiner Weise bei
ihren polnischen Mitbürgern den Anschein hervorzurufen oder gar den
bestehenden Verdacht zu stärken, daß sie gemeinsame Sache gegen die
Polen machen wollten. Dazu sind Deutsche und Juden viel zu über¬
legt und es besteht auch kein Zweifel, daß besonders in Lodz sowohl
bei Juden als bei Deutschen die feste Absicht besteht, sich trotz vieler
Bedenken in die neu geschaffene Sachlage hineinzufinden und mit
allen Kräften an dem Aufbau des zukünftigen Polens mitzuarbeiten.
Viel zu groß und bedeutsam sind die gemeinsamen Interessen aller
Bewohner des Landes, als daß Deutsche oder Juden unklug genug sein
sollten, mit voller Absicht sich gegen die polnische Bevölkerung in
Gegensatz zu bringen. Der gute Wille und was noch mehr ist, die wohl¬
überlegte Absicht, allen Reibungen mit den Polen aus dem Wege zu
gehen, ist vorhanden. Wie weit es gelingen wird, trotzdem mit den
Polen in" ein gutes Verhältnis zu gelangen, wird nicht zum geringen
Teil auch von dem Geschick und der Gerechtigkeits¬
liebe der Polen abhängen. Auch dafür hätten die Lodzer Wahlen
eigentlich einen Beweis erbringen können — wenn das nicht durch das
Verhalten der Polen im letzten Augenblick unmöglich geworden wäre.