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Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Literatur in Ost und West
Erscheint zweimal Im Monat unter Mitwirkung von
Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Hermann Cohen / Alexander Eliasberg
Dr. Adolf Friedemann / Geh. Justizrat Dr. Eugen Fuchs
Dr. Franz Oppenheimer
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I. Jahrgang 25. März 1917 Heft 12
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Diese Zeitschrift ist ein offener Sprechsaal für Jedermann. Für den
Inhalt der Artikel übernehmen die Autoren selbst die Verantwortung
Die Revolution in Rufeland uud die Judenfrage
Von Franz Oppenheimer
Die tönernen Füße des Kolosses, Heer und Polizei, sind gebrochen,
und ruhmlos ist er zusammengestürzt. Wir lauschen hinüber auf die
verworrenen Stimmen, die über die Ostgrenze an unser Ohr dringen,
und versuchen sie zu deuten. Eines ist gewiß: wir sind Zeugen eines
der ungeheuersten Geschehnisse aller Weltgeschichte, eines Gescheh¬
nisses, das selbst in diesem fürchterlichen Ringen der Völker, selbst
in der atemlosen Erwartung auf Hindenburg-Ludendorffs nächsten
Schachzug, der es vielleicht entscheidet, den ganzen Vordergrund
unserer Aufmerksamkeit einnimmt. Und wir fragen uns zweifelnd:
Was bedeutet diese riesenhafte Umwälzung uns als Deutschen und als
Juden?
Zuerst erschien sie als englischer Erfolg, und war es vielleicht
auch. Die Miljukow und Genossen sind, wie es scheint, überzeugte
Jusqu'auboutisten des Krieges. Aber höher und höher recken sich
heute schon neben dem Exekutivausschuß der russischen Bourgeoisie
neue, dunklere, gewaltigere Mächte. Es wäre ein geschichtliches
Wunder, wenn alle die ungeheuren Kräfte, die längst den Kessel zu
sprengen drohten, durch das eine Ventil unschädlich abblasen würden,
und es wird täglich unwahrscheinlicher, daß dieses Wunder Wirklichkeit
wird. Wenn in der Tat Sir Buchanan die Lunte an das Pulverfaß gelegt
haben sollte, auf dem der Thronsessel Nikolai Romanoffs seit langem
stand, so war es ein Akt der Verzweiflung auf die Gefahr hin, daß die
Explosion die ganze Pulverkammer zum Auffliegen bringen könnte.
W T as wird geschehen? Wird sich das „preußische Wunder' 4 von
1762 wiederholen, das ebenfalls dem von allen Seiten „eingekreisten'*
preußischen Staat, freilich in wesentlich kritischerer Zeit, plötzlich die
Entlastung von seinem russischen Gegner brachte? Wird der Bürger-