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Wenn ich heute hier in diesen Blättern eine Skizze seiner Persönlich¬
keit zu geben mich bemühe, so geschieht es nur deswegen, weil in ihm
sich Judentum und Deutschtum zum wahren Menschentum vereinigt
haben. Für ihn gab es den Gegensatz, der die Welt sonst scheidet in
Individualisten und Sozialisten (Altruisten) nicht. Sein Lebenswerk
war individualistisch auf eigenen Grund gestellt. Aber er hat eine so¬
ziale Arbeit verrichtet und bewältigt, wie sie sonst nur große Verbände
üben können.
Seine Stiftungen, Schenkungen und Vermächtnisse überschreiten
den Betrag von Millionen Mark, weitaus das, was üim verblieben
ist und was er hinterlassen hat. Die Milliardäre Amerikas mögen mehr
Geld für Zwecke des Wohltuns ausgegeben haben und ausgoben, als
Moritz Manlieimer, der bei weitem nicht der reiche Mann war, für den
man ihn hielt. Mehr Zeit, mehr Lebensbehagen, mehr körperliche Arbeit
und Herzblut hat niemand gegeben als er. Die Vorsehung hatte ihm
Kinder versagt, und seine Liebe schüttete er wohl deshalb auf die ganze
deutsche Menschheit aus, ohne Ansehung des Glaubens, des Berufs und
des Standes. Er gab nicht wie ein Reicher, der sich leicht vom Gelde
trennt und das Geld hingibt, um sich damit die Seligkeit des Gebens'
zu erkaufen; bei ihm war das Geben nur das geringste seiner Opfer,
nur ein Teil des Lebenswerks, das er mit seiner Gattin auf sich nahm.
Vom frühen Morgen bis in den späten Abend war er tagein, tagaus mit
seiner Frau tätig; er recherchierte selbst, sah selbst, daß alles nach dem
Beeilten ging; in seinen Anstalten, die hunderte beherbergten, kannte
er jeden einzelnen und kümmerte sich um ihn. Sein Reichtum war, wie
Ferdusi sagt, eine wärmende Sonne. Moritz Manheimer war Philan¬
throp nicht im Nebenberuf, sondern im Hauptberuf. Er war Wohl¬
täter der Menschheit von Beruf geworden, nachdem er im Jahre 1872
aus der von ihm begründeten Firma V. Manheimer ausgetreten war
und seinen kaufmännischen Beruf aufgegeben hatte. Auf das Wohltun
hatte er sein Leben eingestellt. Wio andere sich zu Geburtstagen und
Familienfesten Kunstwerke und Kleinodien schenken lassen, so ließ
er sich Bettstiftungen in Krankenhäusern und Versorgungsanstalten
schenken. Auf dem Grunde seiner Abstammung entfalteten sich jüdische
Eigenart und deutsches Wesen zum wahren Menschentum. Er war von
deutscher Gründlichkeit und Innerlichkeit, die verstärkt wurden durch
die geistesverwandte Eigenart unserer jüdischen Abstammung, ein Held
methodischer Arbeit und gründlicher Erfüllung dessen, was er als Pflicht
erkannt hatte. Jüdisch war sein Herz, deutsch seine Methode. Geben
und Wohltun war ihm nicht der Ausdruck einer freigebigen Laune, nicht
die Aufwallung eines guten Augenblicks, sondern Pflicht und Gesetz.
Kr gab nicht mit salbungsvollem Aufschlage des Auges, nicht wie der
Gläubiger, der Dankbarkeit und Anerkennung erwartet, sondern er gab
wie der Schuldner gibt, der eine Pflicht erfüllt, die seine Religion ihm
vorschreibt. Er organisierte und methodisierte das Geben. Als er jung
war, dachte er der Alten und schuf Altersversorgungsheime. Als er
gesund war, dachte er der Kranken und Siechen und schuf Kranken-