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Heinrich Heine, der deutsche Jude
Unter diesem Titel ist eine kleine
Schrift von Max Fischer erschie¬
nen *), die es verdient, daß man sich
etwas eingehender mit ihr beschäf¬
tigt. Vor allem, weil durch den
flüssigen, gehaltvollen Stil, in dem
sie geschrieben ist, das Buch leicht
in weitere Kreise kommen kann, die
dann das darin Erwähnte als selbst¬
verständlich verallgemeinern werden.
Fischer geht von der an und
für sich richtigen Stellung des¬
jenigen heutigen Juden aus, der
das Judentum als Religion über¬
wunden und der damit jeden festen
Boden verloren hat, der ihm
Kraft gegen die drohenden An¬
griffe gibt. Dabei legt Fischer
die Ideen, die den heutigen Juden
veranlaßt haben, sein Judentum
über Bord zu werfen, auch in
Heinrich Heine hinein; und das
ist grundfalsch. Vor allem stammt
Heine aus einer ganz anderen Zeit.
An anderer Stelle, an der ich über¬
haupt Hoines Stellung zur Philo¬
sophie zu betrachten habe, werde ich
genauer zoigen, wie sehr Bein gan¬
zes Denken auf philosophischem Ge¬
biete völlig in seiner Angehörigkeit
zum Judentum verwurzelt ist, wie
er nicht den Prototyp eines heutigen
Juden darstellt, der durch zwei Ge-
. nerationen hindurch zu einem festen
Standpunkt in der abstrakten Phi¬
losophie herangereift ist, sondern wie
Heine das bezeichnende Bild do3
Juden ist, über den plötzlich die
Emanzipation wie eine unendliche
Fülle gestürzt ist und der noch nicht
rocht weiß, wie er sich in diesem ge¬
waltigen Meere schwimmend an der
Oberfläche halten oder gar zu einem
festen Lande hindurehkämpfen soll.
Dementsprechend hat Fischer
auch Heines Jugend tendenziös ge¬
färbt, indem er sie uns darstellt als
ein Aufwachsen in einer engen Ju¬
dengasse, deren Bewohner nichts an¬
deres kennen als Geschäfte. Schon
Heines Schulunterricht beweist das
*) Max Fischor „Heinrich Heine,
der deutsche Judo 4 *. J. G. Cotta'sche Buch¬
handlung Nuchae., Stuttgart und Berlin 1010.
Kart. M. 1.—.
Gegenteil. Denn gerade die philo¬
sophische Grundlage zu Heines Per¬
sönlichkeit wurde in dem Düsseldor¬
fer Lyzeum in einer so freigeistigen
Weise von dem Rektor Schallmeycr
gelegt, daß er wenige Jahre darauf
ohne Mühe auch dem Ideenkreis der
Berliner Univers.itätsprofessoren, vor
allem Hegels, folgen konnte. Auch
Heines Mutter war keineswegs eine
Frau, die ihren Sohn in den leeren
Gebräuchen eines nicht erlebten
Kultes erzogen hätte; da war sie viel
zu rtark von Jean Jacques Rous-
seaus Erziehungsgedanken erfüllt.
Sehr gut dagegen versteht es Fischer
darzulegen, wie Heine zum Pro¬
testantismus übertritt. Obwohl ihn
doch hauptsächlich materielle Gründe
zu diesem unwürdigen Schritte be¬
wogen, so fühlen wir doch, wie seine
Gedanken sich nunmehr in das Re¬
ligiöse des Christentums hineinver¬
weben und wie — oft nur im Unter¬
bewußtsein — allmählich eine äußere
Verschmelzung eintritt. In der Ana¬
lyse Heinescher Gedichte spielt das.
jüdische Element im allgemeinen
keinen fördernden Faktor, höchstens
daß der Weltschmerz, den Heine ja
bei Byron am ausgeprägtesten fand,
auf einen Juden stärker einwirken
kann, erstens, weil das Mittelalter in
den jüdischen Ritus eine Menge von
mystischen Dingen hineingelegt hat
und dann, weil die aufreibenden Ver¬
folgungen unbedingt ein Volk zu einer
Weltanschauung bringen müssen, die
das Freudige im menschlichen Leben
ausschaltet. Ganz und gar jüdisch
dagegen ist Heines Ironio; der Grund
liegt nicht allein darin, daß das
jüdische Volk in jahrhundertelangem
Ghettoleben, abgeschlossen von der
freien Kultur der europäischen Völ¬
ker, in seinem scharfen Intellekt
seine einzige Waffe besaß. Damit
ist gar keine Erklärung für diesen
stark ausgeprägten Zug gegeben.
Man muß hier auf das Studium dos
Talmuds zurückgehen. Die kasuisti¬
sche Auslegung jedes Wortes, daß
andauernde Grübeln über jeden ein¬
zelnen Begriff, der Eifer im Auslegen
eines einzelnen Gesetzes— das sind *
lauter Dinge, die nicht nur einzelne