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M E N O R A H
des Mittelalters, Besonders für clic Darstellung der
letzteren hat Zunz clic handschriftlichen Quellen
mit großer Beharrlichkeit zusammengetragen.
Aber der Ausbau dieser ruhigen und sach¬
lichen Forschcrarbeil wurde für lange Zeit
unterbrochen. Im Jahre 1853 begann die „Ge¬
schichte der Juden" von H c i n r i c h G r ä t /.
zu erscheinen. Sie wirkte schon durch ihren in
der jüdischen Literatur fast unerreichten Um¬
fang — 12, in der neuesten Auflage 13 Bände
— als Ereignis und verschaffte ihrem Verfasser
eine ausgesprochene geistige Vorherrschaft in
seinem Kreise. Heule, 29 Jahre nach seinem
Tode, ist sein Einfluß beinahe unvermindert.
Griitz besaß gleich den früher Genannten Be¬
fähigung und Charakter in hohem Grade, aus¬
schlaggebend aber isl bei ihm das Temperament.
Das Mögliche ist für ihn belanglos, das Uner¬
reichbare soll zum Ereignis werden. Möglich war
eine langsame Sichtung und kritische Erfassung
der vorlaufig unübersehbaren jüdischen und auf
die Juden bezüglichen fremden Literatur, von da
aus das Eindiingcn in eleu Gang des Geschehens
und den Geist der einzelnen Epochen; am Ende
winkle dann clic Darstellung der über Zeiten
und Länder ausgedehnten jüdischen Geschichte.
Griitz hat mit diesem Ende begonnen. Er hat
— zweifellos ein Mann von reinem Wollen —
sein Werk mit einer hinreißenden Gewalt ge¬
schrieben, gegen die allein das Besserwissen
immun macht. Nicht, daß man es jetzt besser
weiß, ist ihm vorzuwerfen, mit anderen Worten,
daß sein Buch in zu vielen Einzelheiten über¬
holt ist, um dem Stande der Forschung über¬
haupt noch angepaßt zu werden. Sondern dies
ist das Entscheidende, was kein Verteidiger in
Abrede stellen kann: daß der Autor selber zur
Zeit der Abfassung es an tausend Stellen hätte
besser wissen können. Für Aufklärung und Be¬
lehrung hat er Unvergängliches geleistet, dabei
aber der Wissenschaft viel mehr weggenommen
als nötig war. Er spricht im Vorworte zum
5. Bande von dem „mehr verwirrenden als auf¬
hellenden Notizenkram des Dr. Zunz". Im Zu¬
sammenhang mit anderen Äußerungen bedeutet
dies keine Verunglimpfung. Aber die Abneigung
gegen philologische Kleinarbeit, der Zug von den
liierarischen Grundlagen weg ins Große und Kon¬
struktive, der bedenkliche und verhängnisvolle
Hang zum Unmöglichen charakterisieren nicht
nur Griitz selber, sondern auch auf den verschie¬
denen Gebieten sehr viele unter seinen Schülern
bis ins dritte und vierte Geschlecht. Vor der
Wissenschaft mit ihrem unverjährbaren Recht,
vor einem Publikum, dem für die Dauer nur mit
der Wahrheit gedient ist, besonders aber vor dem
guten Willen und der Einsicht der arbeitenden
Genossen von Rang muß die Forderung er¬
hoben werden, daß dies ein Ende nehme.
Dabei isl es möglich, an das Lebenswerk
eines Mannes anzuknüpfen, der tief im Schatten
steht: Moritz Steinschneider (1816
bis 1907). Seine Leistung widerspricht aller¬
dings den Gesetzen einer glatten akademischen
Schönheit; sie ist nur für den Forscher da, nicht
für die Gebildeten, durchaus nicht für die Menge.
Auch er halte in der Jugend große Pläne, mit
den Jahren wurde sein Kreis enger und tiefer.
Von der beabsichtigten Untersuchung des Ver¬
hältnisses der Juden zur Kultur überhaupt
führte ihn sein Weg bald auf ihre Beziehungen
zum Islam, hier von der Kultur- und Literatur¬
geschichte, von dieser zur Bibliographie. Vor¬
nehmlich durch seine Kataloge, aber auch durch
den sonst in einer Unmenge von Arbeiten ent¬
haltenen und verwerteten Stoff ist Steinschneider
der Begründer der modernen hebräischen Bücher-
uncl Hanclschriftenkundc. Seine größeren Hand¬
schriftenverzeichnisse erstrecken sich auf die Be¬
stände von Leyden (erschienen 1858), München
(1873; 2. Aufl. 1895), Hamburg (1878) und
Berlin (zwei Abteilungen, 1878 und 1897).
Sic bilden den Schlüssel zu einer unbekannten
Welt, deren Verflechtungen mit der allgemeinen
Gesittung des Morgen- und Abendlandes zahl¬
los sind. Diese Welt kann nicht durch den Haß
und nicht einmal durch die Liebe erforscht
werden, sondern nur durch die kritische Wahr¬
heit. Steinschneiders Bedeutung besteht in der
Größe und Gediegenheit seines Werkes, in dem
fast vollkommenen Erhabensein über Neigungen
und Erfolge und in seinem Gefühl für die immer
höheren Pflichten der Wissenschaft in ihrem
Verhältnis zur Wellkultur. Er wird von vielen
gerühmt, von wenigen gekannt, von keinem
einzigen planmäßig fortgesetzt. Seine Kraft ge¬
hört der Zukunft.
Es sei also wiederholt: In der jüdischen
Wissenschaft sind zwei Richtungen nachzuweisen.
Als ursprüngliche und sachlich allein berechtigte
diejenige, die durch die Namen und die Leistung
von J. L. Rapaport, S. D. Luzzatto, Leopold
Zunz und insbesondere Moritz Steinschneider
charakterisiert wird. Als zweite Fleinrich Grätz
und alle anderen. Die erste ist ausgestorben, die
zweile dominiert. Es wird gefordert, daß die
zweite aussterbe und die erste dominiere.
Artur Zacharias Schivarz
From an Ulustrated ManiiseripLof the Mahzor for Rosh-ha-Shann
(By tlie same scribe aml illuminutor as tlic pieceding nnmber)
Aus einer illustrierten Handschrift des Mahzor für Ros-ha-sanah, aschkenasischer Ritus
(Vom gleichen Schreiber und Müiia'or wie bei der vorhergehenden Abbildung)
Cod. Hebr. Bibl. Pal. Vind. Ki3, Fol, 3G2 r