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MENORAH
Die Internationale der Judenfeinde
Man braucht sich nur die gewaltigen Ein¬
drücke des Augustmonals von 1914 zu
vergegenwärtigen, um die ganze Gewalt
der Suggestion rückschauend mitzuempfinden,
welcher in jenen Tagen die Judenheil in Mittel¬
europa und weiten Teilen Osteuropas erlag.
Tausendjähriger Haß schien plötzlich ausge¬
löscht, die Scheidewand zwischen Juden und Um¬
well, oft unsichtbar und doch stets in ihrem Vor¬
handensein empfunden, auf einmal eingestürzt,
umgeblasen von der Wucht der Ereignisse, deren
Gewalt gegenüber der Antisemitismus als winzige
Kleinlichkeit erschien und in deren Sphären er
keinen Bestand behaupten zu können schien. Nicht
gering war damals die Zahl von Juden in allen
Lagern, welche ernstlich hofften, der Krieg werde
dem Antisemitismus endgültig den Garaus machen,
und so manchen, nicht von den Ärgsten, hat
dieser Gedanke zu kriegerischen Leistungen an¬
gespornt, welche der ursprünglichen Mentalität
des Juden keineswegs adäquat sind.
Ein Blick auf den antisemitischen Hexen¬
kessel von heute, der in den weitesten Strichen
von Mittel- und Osteuropa brodelt, belehrt, wie
kläglich jene Illusionen zusammengebrochen sind,
deren Bestand nur kurze Tage während des
Krieges währen mochte. Der Krieg hat die tief¬
gehendsten Änderungen im politischen, geistigen
und sozialen Zustand Europas gezeitigt, seinem
Wüten erlagen alle Internationalen: die des So¬
zialismus sowohl wie die der Kirche; aber eine an¬
dere Internationale ging gestärkt und verjüngt aus
der Wcllcnbluthochzcit hervor: die Internationale
des Antisemitismus. Der Antisemitismus hat nicht
nur ungeheuer an Intensität und Verbreitung ge¬
wonnen, noch niemals hat sich sein Charakter als
der einer internationalen Bewegung so
deutlich manifestiert wie gegenwärtig. Daß eine
Bewegung, die ganz auf dunklen Vorurteilen ruht,
vom Haß getragen wird und von atavistischen
Instinkten lebt, auf der Trümmerstätte der Nach¬
kriegszeit den reichsten Nährboden finden müsse,
war von jedem Tieferblickenden leicht voraus¬
zusehen. Der plötzliche soziale Aufstieg zahl¬
reicher jüdischer einzelner zu Reichtum und An¬
sehen, die durch Warenmangel und Teuerung ver¬
ursachte Machterweiterung des Kaufmannstumes,
der vorwiegenden Domäne der Judenschaft, die
plötzliche Zusammenballung neuer, fremdartiger
Judenmassen auf einem neuen Territorium, dazu
aber noch die Steigerung der sozialen Gegensätze,
die Erbitterung der notleidenden, verhungerten
Massen, zu denen weite Kreise des Mittelstandes
und der Intelligenz (beide Klassen sind die typi¬
schen Träger aller chauvinistischen Bewegungen)
hinzukommen, die völlig chaotischen Zustände in
jeder Hinsicht und deren Rückwirkung: eine
Menschheit ohne Ruhe, Zufriedenheit und inneres
Gleichgewicht — aus diesen Komponenten kann
man sich ohne alle psychologischen Schwierigkeiten
das geistige Bild der Zeit zusammenfügen, aus
dem sich der Zug eines ingrimmigen Antisemitis¬
mus nicht hinwegdenken läßt.
Der Antisemitismus, ebenso alt wie das jüdi¬
sche Schicksal der Zerstreuung, ist im wesent¬
lichen die Folge zweier vereint auftretender jüdi¬
scher Erscheinungen: unseres Schwäche r- und
unseres Anders seins, und es liegt in seinem
Wesen, daü jede soziale oder psychische Er¬
schütterung unter den Völkern zunächst dem
Judentum die Schuld aufladen will, und die auf¬
gewühlten Instinkte in der Richtung des gering¬
sten Widerstandes, das ist gegen die Juden, ihre
Entladung suchen.
So mußte die Enttäuschung und Verbitterung
der aufgewühlten Massen über den unglücklichen
Ausgang des Krieges zu einem gewaltigen und
vielfach gewalttätigen Aufflammen des Anti¬
semitismus führen. Das alte Lügcnarsenal ver¬
gifteter Waffen wurde durch neue Prachtstücke
bereichert und die politische Reaktion einerseits,
der neuerwachte, gefräßige Chauvinismus ander¬
seits gingen mit größtem Elan ans Werk.
Max Nordau
died in Paris a^e tlie al of 73 years. In Iiiin tlie Jewish
people has lost one of its most distinguished literary
inen, Zionisin one of its authors and most courasjeous
Champions
starb im Alter von 73 Jahren am 22. Jänner 1LI23 in Paris.
Mit ihm hat das Judentum eine seiner markantesten
literarischen Erscheinungen und die zionistische Ke-
wenung einen ihrer Schöpfer und mutigsten Vor¬
kämpfer verloren
In Deutschland begann man das Schlag¬
wort von dem „Dolchstoß von hinten", welchen
die Juden, die man fälschlich mit den Sozialisten
und Kommunisten identifizierte, gegen die deutsche
krönt geführt hätten, in die Massen zu werfen,
und die in der letzten Zeit in allen deutschen
Landen so üppig in die Halme geschossene
H a k e n k r c u z - Bewegung beweist, welche
Wirkungen jenes giftige Schlagwort ausgelöst hat.
Außerdem wurde der Heize eine neue Note hin¬
zugefügt, und spätere Kulturhistoriker, welche die
Geistesgcschichle der Nachkriegszeit schreiben
werden, werden der Tatsache ausführliche Beach¬
tung schenken müssen, daß ein so schamlos törich¬
tes Fälscherwerk wie die ,,G c h e i m n i s s e
d e r W eisen von Z i o n" zu den meist¬
gelesenen und übersetzten Schriften dieser Zeit
gehört. Geschichte und Ursprung dieser gemein¬
sten aller Fälschungen sind oft dargestellt worden.
Russische, französische und deutsche Hände
scheinen hier im Spiele zu sein, und aus einer
ursprünglichen Schmähschrift gegen Napoleon III.
wird ein dickleibiges jüdisches „Geheimprotokoll",
in welchem die Pläne der künftigen jüdischen
Weltherrschaft genau dargelegt werden. Danach
sind sowohl Kapitalismus als Sozialismus und
Kommunismus die Mittel, deren sich die geheimen
obersten Mächte des Judcntumes, die siebzig
„Weisen von Zion", bedienen, um sich die Welt
völlig zu unterjochen, und wo es nicht auf parla¬
mentarischem Wege gehen kann, soll ein Druck
auf einen elektrischen Knopf genügen, um die
von der jüdischen geheimen Weltorganisation mit
elektrischen Kabeln unterminierten Großstädte mit
einem Schlag in die Luft zu sprengen. Ob Trotzki
oder Rothschild, sie alle handeln gemeinsam im
Dienste der zerstörenden jüdischen Idee. Solches
Zeug wird unter die Massen verbreitet und, was
schlimmer ist, wird geglaubt! Die frühere anti¬
semitische Pscudowisscnschaft der D ü h r i n g,
C h a m b e rl a i n und ihrer Nachbeter — gleich¬
falls deutschen Ursprungs — welche die Minder¬
wertigkeit und Schädlichkeit des Judentumes auf
der Grundlage einer unwissenschaftlichen und
tendenziösen Rassenforschung zu erweisen sucht,
wird nunmehr durch diese neue Literatur sinnvoll
ergänzt. Diese ausgebreitete Propaganda ver¬
mochte es, sich ihren Weg über Länder und
Meere zu bahnen, und sie hat bezeichnenderweise
sogar in Amerika ihre Anhänger gefunden,
wo sich der bekannte Automobilfabrikant und
Milliardär Henry F o r d, der nachgewiesener¬
maßen in seiner tollen Leichtgläubigkeit ein Opfer
der Einflüsterungen reaktionärer russischer Emi¬
granten geworden ist, die auf solche Weise bei
ihm Geld erpreßt haben, an die Spitze der dorti¬
gen Bewegung gestellt hat. Sein Buch von der
jüdischen Gefahr, welches eine deutsche Über¬
setzung in Massenauflage erlebt hat. ist nichts
anderes als eine durch eigenen Unsinn ergänzte
Bearbeitung jener „Weisen von Zion", welche
der deutsche Antisemitismus zu seinem neuen
Evangelium erhebt.
Eine seiner stärksten Zellen hat bekanntlich
der Nachkriegsantisemitismus in Ungarn angesetzt,
und die Horthy- Regie r u n g ist zu seinem
erklärten Bannerträger geworden. Der Hinweis,
daß sich unter den Führern des kommunistischen
Intermezzos in Ungarn etliche Juden befanden,
genügte, um antisemitische Pogrome zu entfesseln,
und die ungarische Gesetzgebung trägt einen
erklärt antisemitischen Charakter. Namentlich ist
es der Numerus clausus in Ungarn, die
gesetzmäßige Beschränkung der Teilnahme jüdi¬
scher Studenten am Besuche der Hochschulen,
welche in Wien sowohl wie in Polen, Rumänien
und Riga ständig zur Nachahmung reizt. Es ist
geschehen, was man nie für möglich gehalten
hätte: der Nachkriegszeit blieb es vorbehalten, in
einem Staate Mitteleuropas ein System zum Gesetz
erhoben zu sehen, welches einen Schandfleck des
zaristischen Rußland bildete, die jüdische Prozent¬
norm an den Hochschulen. Der Antisemitismus
in Ungarn läßt im übrigen neben seinen demagogi¬
schen uncl volksvcrhetzenden Motiven deutlich die
soziale Wur/el sehen: die magyarische Ober-
schichte, in der Vorkriegszeit in die Berufe des
Offiziers und des höheren Beamten zusammen-