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MENORAH
kein unterirdischer Gewölbe, hatten Visionen,
„strahlende Nächte", wie sie sagten, fromme Ge¬
sichte, widerstanden so den Verlockungen des
Satans und erfüllten zur Nachtzeit die Luft mit
ihren Klageliedern. Ohne zu erlahmen, studierten
sie alle Bücher der Kabbala, alle Seiten des Tal¬
mud nach neuen und wunderbaren Deutungen;
ihre Weiber, wenn sie nicht zu den Orgien gin¬
gen, ergaben sich einen grenzenlosen Fanatismus,
stellten sich auf den Markt unter viele Leute,
stachelten zu nutzlosen Grausamkeiten und nutz¬
losen Versündigungen auf und fluchten den
Christen bitter. Die Kinder waren sich selbst über¬
lassen, Säuglinge schrien umsonst
nach der Muttcrbrust und starben
bald Hunger, und Überfluß, Prunk
und Erbärmlichkeit reichten ein¬
ander die Hände. Es fand kein re¬
gelmäßiger Gottesdienst mehr statt,
und wenn man gemeinsam vor dem
Altar betete, schrie, forderte, trium¬
phierte, war es einer Schändung des
alten Gottes gleich. Zigeuner zogen
umher und vermehrten das Unheim¬
liche und die Verwirrung. Der
Papst und der Kaiser schickten, wie
in alle Städte, auch hierher Beamie
und Abgesandte, die unvcrrichlcter
Sache wieder ziehen mußten. Die
freie Stadt Nürnberg entbot einen
Hauptmann und fünfzig Reiter,
aber den Hauptmann samt seinen
Reitern sah man noch am selben
Abend wüst johlend durch die Gas¬
sen taumeln. Am Fluß oben, gegen
Buch zu, wohnte ein ehrwürdiger
christlicher Mann von bedeutender
Gelehrsamkeit. Er kannte gründlich
die klassischen Sprachen und be¬
faßte sich mit Astrologie und Al¬
chimie. Die Leute behaupten, er
habe den Stein der Weisen gefunden
und ihn für einen unermeßlichen
Schatz an den Großtürken abgege¬
ben. Er wurde befragt, was er von
all dem Sturm und Aufruhr halte,
und da sagte er: „Der Jüd ist ein
tolles Tier. So ihr ihn aus dem Käfig
laßt, frißt er euch auf mit Stumpf
und Stiel. So er aber im Käfig bleibt, ist er zahm
wie ein Hund. Viel Verstand hat der Jüd und
er ist wie ein Blindschleich. So du ihn entzwei¬
hackst, kriechen zweie hinweg."
Niemals stand die Anarchie drohender über
den Völkern als zu dieser Zeit der Dämonie und
der Ekstase. Da die Nachricht eintraf, die Juden
von Frankfurt, Worms und Mainz rüsten sich
zum Aufbruch nach Zion, entstand eine Erregung,
die mit einer langen, inbrünstigen Andacht zu ver¬
gleichen war. Alle Sehnsucht hatte nun ein Ziel
bekommen, und jeder einzelne beschloß, dem
Rufe des Propheten zu folgen.
An demselben Tage, es war Allerseelen, lag
Rahel auf ihrem Bette und starrte stumpf-gleich¬
gültig durch das Fensler in den Abendhimmcl. Das
Haus war leer; die Schritte mochten darin nach¬
hallen, denn die Dielen knisterten oft von selbst.
Rahel hatte die Mutter schon seit zwei Tagen
nicht gesehen, der Vater war seit dem Morgen
fort. Niemand hatte sich in der letzten Zeit um
sie gekümmert, und keine der jüdischen Frauen
kam mehr, um stundenlang bei ihr zu sitzen. Aber
darüber dachte sie nicht nach. Sic war froh, daß
wieder die Nacht kam.
Als es dunkel war, trat Maier Nathan ins
Zimmer. Sein Wesen war verstört, und bisweilen
brach er in kurzes, meckerndes Lachen aus. Beim
Schein eines Öllichts zählte er sein Geld nach
und vergrub später einen Kasten mit Pcrbn und
Schmucksachen im Flofe neben dem Brunnen.
Erhitzt von der Arbeit, schnaufend und pustend
kam er zurück und setzte sich neben seine Tochter,
das Kinn auf den Griff seines Spatens gestützt.
Porträt Ernst Walt
Anna \Valt-K;u
Er seufzte, fuhr mit den Fingern in die Haare,
schnitt Grimassen, sprang endlich auf, warf den
Spaten heftig von sich, focht mit den Armen in
der Luft umher und brach in ein glucksendes
Weinen aus. Rahel rührte sich nicht. Sie war
daran gewöhnt, seit Zirle erschienen war. „Scha-
dai, Schadai voller Gnade!" rief der Knöckcr
aus. „Ich habe die himmlische Stimme gehört, ich
hab sie doch sicherlich gehört mit meinen Ohren.
Gott soll mich strafen, aber mein Rahelchen ist
doch keine Hur!" Er kniete vor Rahel hin,
streichelte mit der Hand ihre Haare und stam¬
melte: „Mein Rahclchen, mein gutes Jeleth, mein
Engelchen. Mise meschinnc über die Narren, daß
sie an die falsche Braut glauben. Sterben sollen
sie den Tod durch Aussatz." Und er erhob sich
und rannte wie gepeitscht davon.
Die Nacht war stürmisch. Die Winde kamen
von Süden, und draußen in der Ebene gurgelte es
wie in einem Strudel. Der Mond grinste fahl
durch geborstene Wolken, und es war, als ob er
selbst sie zerrissen hätte und sie aufgelöst vor sich
her triebe. Gegen Mitternacht kam ein Hrrbslgc-
wittcr. Flatternde, schwere, lichtsaugende Nebel
fielen nieder, und die Blitze fuhren hinein mit
einem süßgelben Leuchten. Rahel sah zu, und
ihr wurde bitter in der Kehle vor Grauen; in der
hernc heulten die Hunde.
Ralcl war müde. Was da draußen vorging
in der Welt, sie kümmerte sich nicht darum. An
nichts glaubte sie, mitten in einem 1 laufen von
Wahnsinnigen blieb sie ruhig und nachdenklich.
Doch halte sie Furcht vor der Zukunft. Was
soll aus dem Kind werden? dachte sie, und was
aus mir, wenn sie alles erfahren?
Gegen zwei Uhr, das Gewitter hatte
sich verzogen, rief das Schofar die
Juden in den Tempclhof. Zacharias
Naar verlas einen Brief des Sabba-
tai an seine Braut Zirle, die er Zilla
nannte. Es war ein feuriges und
sinnlich überschwengliches Liebes¬
gedicht, und es hieß zum Schluß,
daß er sie samt ihrem Volk, den
Lebenden und denen, welche von
den Toten auferstehen würden, am
siebzehnten Tag des Monas Tamuz
zu Salonichi empfangen würde.
Darauf stellte Zacharias Naar drei
h ragen an die schweigende Ge¬
meinde: Ob sie mit Gut und Blut
sich dem Messias ergeben wollten:
ob sie die Mühen und Beschwerden
der langen Wanderung nicht scheuen
wollten? Ob sie ohne Murren und
Weigern die Göttlichkeit der Mes¬
siasbraut anerkennen und ihren Be¬
fehlen folgen wollten? Ein bebendes
Ja aus vielen hundert Kehlen ant¬
wortete. Nun trat Zirle in die Milte
des Kreises, hob ihre Arme verzückt
zum Plimmel, und ihr leidenschaft¬
liches Gebet ließ die Zuhörer er¬
glühen vor Sehnsucht und Begierde
nach dem Neuen, Großen, Wunder¬
vollen, das für sie bereit war. Noch
wußten sie nichts, was ihnen Sicher¬
heit gab, aber mehr war es, zu
nerer, Wien glauben und dem Kommenden be¬
geistert entgegenzuleben. Jauch¬
zend wollten sie ein Land verlassen, das nur Ver¬
achtung und unmenschliche Grausamkeit für sie
gehabt hatte. Es schien leicht, alles hinter sich zu
werfen, wenn im Osten die Triften der ererbten
Wohnsitze lockten, wenn ein königlicher Prophet
sie zum unverbrüchlichen Bunde rief. Hier war
kein Vaterland für sie und konnte es niemals
werden, wie sich auch die Zeiten wandeln
mochten.
Die Ältesten der Gemeinde erklärten »ich zum
Aufbruch bereit; beim Anbruch des Tages sollte
mit den Vorbereitungen begonnen werden. Plötz¬
lich sprang Maier Knöckcr, der Nathan, schrei¬
end auf Zirle zu, packte sie bei den Haaren und
riß sie zu Boden. Die andern Juden hätten ihn
sicherlich in Stücke zerrissen, wenn nicht sein
Weib, die Thclsela, und die lugendsame 1 reinla,
des Rabbi Man Ehewirtin, sich über ihn gewor¬
fen und flehentlich um sein Leben gebeten hätten.
(Fortsetzung folgt)