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ME NO RAH'
ARTHUR SCHNITZLER
HEINRICH BERMANNS FAMILIE
(Ein ungcdrucktes Kapitel aus dem Roman „Der Weg ins Freie".)
Auch über seine Familie hatte Heinrich dem Freunde mancher¬
lei erzählt.
Sein Vater war noch zu Beginn der achtziger Jahre ein ge¬
achteter Advokat in einer deutsch-böhmischen iMittelstadt und
deutschliberaler Abgeordneter gewesen. Das Anwachsen der anti¬
semitischen Bewegung hatte ihn aus der Partei gedrängt; und bald,
aus den gleichen Gründen, verringerte und verlor sich auch seine
Klientel. Infolge dieser Umstände verdüsterte sich seine Seele mehr
und mehr, und bald traten unverkennbare Anzeichen einer geistigen
Verstörung auf. Heinrich selbst hatte schon als Achtzehnjähriger
dem Vater dessen politisches Schicksal vorausgesagt, denn mit früh-
sehendemAuge erkannte er die Feinde in des Vaters eigenen Reihen.
Dazu kam, daß er dessen hochtönende Phrasen von Deutschtum
und Freiheit, so ehrlich gemeint sie einmal gewesen sein mochten,
immer als peinlich empfunden hatte, so daß er dem Falle des Vaters
ohne eigentliches Mitgefühl, ja beinahe wie einem verdienten Ge¬
schicke zusah. Auch zur Mutter war er niemals in einem wahrhaft
innigen Verhältnis gestanden. Einer wohlhabenden jüdischen Fa¬
brikantenfamilie entsprossen, hatte sie seit ihrer Kindheit zu Arnold
Bermann als zu einem der zukunftsreichsten Männer der Stadt auf¬
geschaut, war beglückt gewesen, da er nach beendeter Wiener
Universitäts- und Konzipientenzeit als Advokat in die Heimat¬
stadt zurückgekehrt, sie zur Ehe verlangte, hatte stets in blinder
Anbetung für ihn verharrt und war im Laufe der Zeit so voll¬
kommen sein Geschöpf geworden, daß sie mit ihm zugleich in
Verdüsterung und Umnachtung zu sinken schien. Das Parlament,
ja der Staat, hatte für sie zu existieren aufgehört, als der Gatte
sein Mandat verlor; nun verging gleichsam die Welt für sie, da
diese Welt für den geliebten Mann nicht mehr vorhanden war.
Auch die Schwester Heinrichs, etwas älter als er, wurde in den
Niederrang des elterlichen Hauses mit hineingezogen. Heinrich,
der vor zehn Jahren die kleine Stadt verlassen hatte, um in Wien
Jus zu studieren und sie seither immer nur zu vorübergehendem
Aufenthalt besucht hatte, beobachtete mit Unmut und Erschütte¬
rung, wie das künstlerisch begabte lebensvolle Mädchen, das ein¬
mal geschaffen schien, sich aus eigener Kraft ihr Schicksal aufzu¬
bauen, allmählich zu einem immer unselbständigerem, hilfloserem
Wesen verkümmerte. Kurz, bevor Heinrich nach Wien übersiedelt
war, hatte sie sich in einen leichtfertigen jungen Fabrikantenssohn
verliebt, der nichts von ihr wissen wollte und später ins Ausland
ging. Dann bewarb sich ein tüchtiger junger Arzt aus einer benach¬
barten Stadt um sie, dem sie die Eltern aus egoistischen Gründen
nicht zur Frau geben wollten; endlich, zur größten Betrübnis des
Vaters, der damals eben sein Mandat verloren hatte, begann sie
für einen blutjungen Schauspieler des Stadttheaters zu schwärmen.
Einmal, an einem Sonntagnachmittag, waren die beiden zusammen
in einem Wirtshausgarten eine Stunde weit von der Stadt gesehen
worden, was zu böswilligen Gerüchten Anlaß bot, die bald den
Weg zu den Eltern fanden. Vater und Mutter waren schwer ge¬
kränkt und behüteten von nun an das sechsundzwanzigj ährige Mäd¬
chen, als wär es ein unmündiges Kind. Der junge Schauspieler ver¬
ließ die Stadt am Schluß der Saison, schrieb Briefe an Charlotte,
die nicht an ihre Adresse gelangten, und eine stille Feindseligkeit
erhob sich zwischen Tochter und Eltern. Heinrich stellte sich auf
die Seite der Schwester und hätte sie am liebsten mit sich nach
Wien genommen, aber auch er war noch auf den Vater angewiesen,
der an die künstlerische Berufung des Sohnes nicht glaubte und
ihm die monatlichen Zuschüsse kaum jemals zu senden sich ent¬
schloß, ohne irgendeine bittere oder verletzende Bemerkung bei¬
zufügen. Der junge Schauspieler wurde später berühmt, in lächer¬
licher Weise versuchte man das dem Mädchen zu verheimlichen,
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versteckte Zeitungen, in denen sein Name und seine Erfolge er¬
wähnt standen, wie man früher seine Briefe unterschlagen hatte;
aber Charlotte, nicht mehr stark genug, um die Menschen, die ihre
Eltern waren, auch nur innerlich zu verurteilen, lehnte sich nicht
weiter auf, verfiel in Schwermut, die in eine immer sentimentalere
Stimmung umschlug; sie beklagte ihr eigenes Los, das ihres Vaters,
den sie sich grämen, die Praxis verlieren und endlich geistesschwach
werden sah; und am tiefsten die Mutter, die ihr nun als eine
schwergeprüfte Dulderin erschien. Von ihrem Bruder, den sie
früher sehr geliebt hatte, wandte sie sich ab; denn ihn begann
sie für den Niedergang des elterlichen Hauses als verantwortlich
anzusehen. Sie hatte es ja oft genug hören müssen, daß sich, wenn
Heinrich, statt Novellen zu schreiben, die nicht gedruckt, und
Stücke, die nicht aufgeführt wurden, seine Studien fleißiger be¬
trieben, Doktor geworden und in die Kanzlei seines Vaters einge¬
treten wäre, das Schicksal der Familie völlig anders gestaltet hätte.
Sie war nun siebenunddreißig Jahre alt und in ihrem Wesen schon
völlig altjüngferlich geworden, wich der Mutter kaum von der
Seite, und wenn der Bruder nach Hause kam, der die Familie,
seit er seinen ersten Erfolg errungen, nach seinen schwachen Kräften
unterstützte, so schwebten stumme Vorwürfe um ihn, die ihn erbit¬
terten und gegen die er sich nicht einmal zur Wehre zu setzen ver¬
mochte, weil sie nicht mehr laut ausgesprochen wurden, besonders
aber, weil er ein quälendes Mitleid mit den Seinen empfand, die
er seelisch und geistig langsam zugrunde gehen sah.
Und noch andere Gestalten aus der kleinen Stadt tauchten in
den Erzählungen Heinrichs mehr oder minder deutlich vor Georgs
Augen auf: Frühere Freunde des Hauses, die sich im Laufe der
Zeit schmählich von dem alten Bermann abgewandt und ihn
verlassen hatten, die Großeltern mütterlicherseits, von denen
sich Heinrichs Vater gleich zu Beginn seiner Ehe mit Rück¬
sicht auf seine deutschvölkische Laufbahn ziemlich zurückgezogen
hatte und die sich erst in den letzten Jahren der beklagenswerten
Familie wieder näherten, aber nur um ein neues Element der
Dumpfheit und Düsterkeit in das traurige Flaus zu bringen.
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