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MENORAH
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aus solcher Tragik folgenden Weltbetrachtung begann Michelan¬
gelo zu erfüllen und sein Gemüt ernst und ernster zu stimmen.
Als tiefe Wahrheit verstand er daher Savanarolas Wort, daß nur
ein furchtbares Gottesgericht eine neue, bessere Weltepoche herauf¬
führen könnte. Der tiefe Sinn der großen, in der Thora erzählten
Strafgerichte erschloß sich ihm, und in seiner Seele reiften die
Keime zu den späteren Gemälden: der Vertreibung aus dem Para¬
dies, der Sintflut, endlich der Geschichte Noahs, als des Begründers
eines wiedererschaffenen edleren Geschlechts, das in Demut und In¬
brunst dem Rettergott opfernd dankt. Bis in die Werke aus
Michelangelos Greisenalter zittert der Zorn Savanarolas nach, so
in der terribilitä, der ungeheuren Wucht des „Jüngsten Gerichtes",
des riesigen Wandgemäldes, mit dem er die Sixtinawand erfüllte,
obwohl es in den Formen mehr an den antiken Vorstellungskreis
erinnert. Und wenn der Maler selbst in der ernsten Selbstprüfung
seines Lebenswerkes in späteren Tagen all sein künstlerisches Schal¬
ten als heidnisch verurteilte und tief bereute, so ist auch hierin
ein Nachhall der alttestamentlichen Gesinnung zu verspüren, die
der Florentiner Mönch in ihn unausrottbar gepflanzt hatte.
Graf Pico, der zweite große Anreger undErwecker des Ideen¬
gestalters Michelangelo, war das Haupt eines feingeistigen Kreises,
der die „platonische Akademie" von ehemals wieder auferstehen
lassen wollte und die Lehren und Lebensformen der athenischen
Philosophen in neuplatonischer Uniprägung wieder erneute und ver¬
breitete. Alle Glieder hegten dabei eine Überzeugung, die wir
auch bei Jehuda Halevi und Maimonidcs finden; daß Piaton seine
Weisheit dem Orient, dem Lande der Bibel verdanke, daher sie
im tiefsten Wesen der religiösen Weltanschauung des Monotheismus
entspreche. Keiner war davon so fest überzeugt wie Pico, der
Reuchlin Italiens, der Piatons Lehre geradezu für die verschleierte
mosaische Offenbarung hielt, daher auch aufs eifrigste Hebräisch
studierte, die jüdischen Religionsphilosophen Maimonides und Levi
ben Gerson las, das Buch Chochmath Hanefesch und Sefer Hama-
aloth ins Lateinische übertrug und besonders im kabbalistischen
System der Sphären der Weisheit Siegel und letzte Bestätigung ge¬
funden zu haben überzeugt war. „Mit Hilfe der Kabbala
glaubte er sowohl den unter dem Wortsinn verborgenen tieferen
Sinn der mosaischen Bücher . . . ergründen wie auch alle Weisheit
im Himmel und auf Erden, namentlich der Philosophie erfassen
zu können. Von diesem großartigen .... Standpunkte aus vermeinte
er, daß sich die Einstimmigkeit aller wahrhaften Philosophie unter¬
einander wie auch mit der Offenbarung ohne jede Schwierigkeit
dartun ließe*)." Wie ernst es diesem philosophischen Phantasten
mit seiner Meinung war, beweist sein kühnes Unternehmen, 1 486
in Rom 900 öffentliche Thesen über seine theologisch-philoso¬
phische Überzeugung aufzustellen und alle Universitätsgelehr¬
ten der Welt aufzufordern, auf seine Kosten nach Rom zu fahren
und mit ihm darüber zu disputieren.
Der empfängliche Geist des jugendlichen Michelangelo nahm
hier in der Florentiner Akademie die Ideen Picos in sich auf, hier
hörte er die poetischen Konzeptionen der Kabbala von der schaf¬
fenden Weisheit Chochma-Bina, in der die Gotteskraft als
das unerforschlich Hohe (Rum-Maala) dem Menschen
seine Offenbarung zuteil werden läßt, hier von der göttlichen
Liebe (Chessed), die mit der Kraft und Gerechtig¬
keit (Pachad-Gewurah) gepaart, die Schönheit (Tifereth) der
sittlichen Weltordnung schafft, hier von der Festigkeit
(Nezach) und Pracht (Hod), die den Urgrund (Jesod)
für die Welt des Sichtbaren liefern. Hier erfuhr er von den K a-
n ä 1 c n (Zinoroth) , den Vermittlern der Gnadenspenden Gottes
zur Erde, werin ich den Vorwurf zu der dem Adam von Gott
entgegengestreckten Hand im Bilde der Erschaffung des Menschen
erblicke. In der kabbalistisch-philosophischen Schule Picos bildete
sich in ihm das Gefühl von der Erdnähe Gottes, von der Himmels¬
pähe des Menschen, aus der, wie wir sehen werden, die bildliche
Darstellung der Schöpfungsgeschichte geboren ist.
Auch Graf Pico de Mirandula, dessen Stern so schnell am
Himmel des geistigen Italiens aufgestiegen war, hat bald den
Widerstand der stumpfen Welt kennen lernen müssen; verbannt,
führte er ein freudloses Leben, fand er einen frühen Tod. Die
beiden Meister, die Michelangelo die Weisheit gelehrt, wurden so
auch seine Vorbilder in ihrem Martyrium und herben Enttäuschun¬
gen im Kampfe für die Wahrheit.
Denn auch Michelangelo hat das ganze Leid des „Über¬
menschen", des über seiner Zeit Stehenden durchgekostet. Einsam
war er, nach seines Künstlergenossen Raphael Worten, wie ein
Henker. Sein reiner Sinn, der in sich eine Welt voll Kraft und
Energie, aber auch voll vom Rhythmus sittlicher Weihe fühlte
und trug, mußte verhaltenen Ingrimms das machtlüsterne und allzu
menschliche Treiben der „Großen" seiner Zeit mitanschauen und er¬
dulden. Die herrlichste Errungenschaft jener Epoche, die w iederenl-
deckte Bedeutung der „Individualität", der Eigenpersönlichkeit, die
für Michelangelo die Leiter zur Gottähnlichkeit, zur Weitung des
endlichen Ich zum Ebenbild und Ausdruck des Unendlichen war.
galt den Zeitgenossen nur als Freibrief zu selbstherrlichem Sich¬
gehenlassen und Sichausleben im Genuß. Wenn er so, aus der umge¬
benden Wirklichkeit flüchtend, in der Sphäre der großen Geister
nach Gefährten des Schicksals, nach Heimatberechtigten im Reiche
der Sittlichkeit suchte, da traf er auf die Gestalten der Prophe¬
ten. Ihre Seelenkämpfe waren den seinen ähnlich; ihr Unver¬
standensein von jedermann, ihre brennende Liebe zur Umwelt, ihr
vergebliches Ringen gegen Unnatur und Machtmißbrauch, ihre
hehre Zukunftsscliau entzündet an dem Zorn der Gegenwartsver¬
neinung, spiegelten ihm das eigene köstliche Weh des Gemütes
wider.
So malte er sie. Riesengestalten. Urweltliche Charaktertypen.
Jeder für sich in erhabener Einsamkeit. Wie Jirmijah sagt: ob
deines Wortes saß ich einsam. In mächtiger Gewandung ein jeder,
dem lijahmantel, dem Ausdruck des gewaltigen Berufes. Jeder
-— außer Jirmijah, der versteinten Trauer — mit der Rolle des
ewigen Gottesbuches in der Hand, aus dem der Maßstab der
Ewigkeit entnommen, aus dessen unbedingten: du sollst! das an-
*) Hasa, Die italienische Renaissance. Leipzig 1915. Seite 148.
JIRMIJAH