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M E N O R A H
RUDOLF SCHILDKRAUT
IN SCHALOM ASCH-. „GOTT DER RACHE"
Schildkraut ist seitdem ein anderer geworden. Ich sah ihn
später in Hamburg, in Berlin, auf der Höhe seines Schaffens, in
der souveränen Beherrschung des Theaters, in der köstlichen
Freiheit seiner künstlerischen Kraft. Aber etwas, irgend etwas war
doch immer, das an jenes Jugenderlebnis erinnerte. Seine Kunst
war so edel diszipliniert, wie es nur je die eines großen Schau¬
spielers gewesen ist. Kein Wort, kein Blick entglitt seinem klaren,
künstlerischen Willen. Und doch . . . und doch . . . irgend etwas
war da, was an diese mythische Heroenzeit der Schauspielerei
gemahnte. An die Zeit des regellosen Schweifens — in jedem
Sinne — der großen Vagabundage und Heimatlosigkeit.
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Er war ja von der „Schmiere" gekommen. Ich glaube nicht,
daß er jemals in einer Schauspielschule mit bürgerlicher Wohl¬
bedachtheit herangebildet wurde. Man kann sich ihn unmöglich
als „Konservatoristen" denken. Tatsache ist es — er hat es oft
erzählt — daß er sich an kleinen und kleinsten Bühnen herum¬
schlug, hungrige und jämmerliche Tage durchlitt — deren Humor
gewöhnlich erst ein rückfallendes Licht späterer Geborgenheit und
Behaglichkeit ist — tausendmal daran, unterzugehen, tausendmal
von der Lebenskraft seiner schöpferischen Begabung emporge¬
rissen. Es war etwas in ihm, das Flügel hatte und ihn hinauftrug.
In die Sphäre einer höheren Existenz und an einen wohlbesetzten
Tisch. Dann landete er in Wien am Raimund-Theater. Und dann
kam endlich ein steiler Aufstieg. Baron Berger nahm ihn nach
Hamburg mit, und Reinhardt gab seinem Namen den großen,
durch alle Länder fliegenden Klang. Heut ist er in Amerika, spielt
dort seinen Lear, angeblich „jiddisch", in Wirklichkeit gut deutsch
— was er aus politischen Gründen verschweigen muß — und ist
einer der mächtigsten und gefeiertsten Schauspieler, deren sich
die deutsche Bühne derzeit berühmen kann.
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Was immer er spielt — und der Bogen seiner Gestaltung
reicht vom Minister im „Mikado" bis zum Shylock und vom
Schmock bis zum Lear — ist von einer Lebensfülle, die bezaubernd
wirkt. Das ist der entscheidende Eindruck. Was er auf die Bühne
stellt, das lebt. Das ist. So unmittelbar erobernd ist seine Kunst,
daß man Mühe hat, ihre einzelnen Wesenszüge zu erkennen. Seine
warme, metallische Stimme ist jedes Ausdruckes fähig, sie hat
die Kraft der tragischen Klage und die sichere Spitze des Witzes;
der mittelgroße, gedrungene Körper ist in Haltung und Gang, in
jeder Gebärde von der Gestalt des Werkes geformt; die großen,
froschartigen Augen, der breite, von allen Schatten des Schmerzes
und allen Lichtern des Humors umspielte Mund — das alles ist
Organ, Ausdrucksmittel, im höchsten Grade geschmeidig und
dienstbar. Und das alles ist von innen heraus beherrscht, durch¬
glüht, gestaltet. Ganz von innen her. An diesem souveränen
Künstler ist nichts virtuosenhaft, nichts äußerlich. Er hat die
vollkommene Sittlichkeit seiner Kunst: er ist durchaus recht¬
schaffen; wahrhaftig.
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Als seine höchste Leistung betrachtet er seinen Lear. Sie ist
jedenfalls seine persönlichste. Die mythische Königlichkeit, die
Wunderlichkeit des Alters, die schauerlichen Sprünge der Narr¬
heit, das alles ist im Hintergrund seiner Leistung. Es ist da,
meisterlich gebildet, aber man fühlt es nur nebenbei. Es haftet
nicht im Gedächtnis. Eines ist unvergeßlich: das Bild des Vaters.
Des Vaters mit der überquellenden Zärtlichkeit, des Vaters,
dessen Liebe obdachlos geworden ist, des ratlosen, verstörten,
dessen Liebe sich in Haß und dessen Segen sich in Fluch ver¬
wandelt. Das reckt sich zu monumentaler Größe. Hier ist ein
Ewiges der Menschheit gefühlt und gestaltet.
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Da fühlt man die Rasse: den Juden. Da ist die tiefste Kraft
der Rasse, das Geheimnis ihrer Ungeheuern Vitalität zum künst¬
lerischen Erlebnis geworden. Die sammelnde, sich aufsparende,
verschwendende Liebe, die fast krankhaft übersteigerte, zur Auf¬
gabe des eigenen Wesens stets bereite Liebe zu der kommenden
Generation. Schildkraut hat zahllose Juden auf die Bühne gestellt.
Immer mit einer repräsentativen Kraft, die faszinierend ist. Immer
von innen heraus gebildet, alle wohlfeilen Mittel der Charakteri¬
stik, oft auch den Jargon, nobel verschmähend. Mit einer Vornehm¬
heit des Geschmackes, des menschlichen und künstlerischen Taktes,
die sehr hoch zu werten ist.
Er ist schauspielerisch produktives Judentum.
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Ist er das wirklich?
Sind es die wesentlichen Kräfte des jüdischen Geistes, die in
ihm schöpferisch sind?
Eine fehlt: der Intellekt.
Der scharfe, bohrende, überwache Verstand, den man so gern
als das Kennzeichen der Rasse betrachtet. In anerkennendem wie
in feindseligem Sinn.
Man fühlt ihn nicht bei Schildkraut. Er ist zweifellos sehr
klug. Aber er will nichts davon wissen, wenn er in künstlerischer
Bewegung ist.
Nichts, aber auch gar nichts zeigt ihn als den „Verstandes¬
schauspieler", als den „denkenden" Künstler, als den „intellektuel¬
len" Gestalter. Seine Kunst kommt aus einem tieferen Lebens¬
grunde, als der Geist es ist.
An ihm ist alles Instinkt, Phantasie, Temperament. Es quillt
ungebrochen aus verborgenen Schächten.
Eine Natur ist er. Eine ungebrochene Natur. Voll Flammen.
Ein prachtvolles Ereignis des Lebens. Des selbstherrlichen, trieb¬
haften, ungeistigen Lebens.
Der Jude, um den noch Wüstenatem weht. Der das gelobte
Land noch nicht betreten hat, das Land der Ordnung, der Über¬
lieferung, des Geistes.
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Darum muß man noch immer daran denken, daß er einst vom
grünen Wagen kam; von der Schmiere. Aus einem Leben, das sich
in keinen bürgerlichen Zwang fügen will. Er kennt nur Eines:
spielen, spielen, spielen. Der spielende Mensch aber, das Kind,
ist der freie Mensch. Der Mensch, der von keinem Zweck be¬
herrscht und gebändigt ist. „Ein aus sich rollendes Rad."
Die Leute hatten recht; er ist ein echter Komödiant.