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M E N O R A H
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JERUSALEM: BETTLER AM EINGANG ZUR KLAGEMAUER
Noch heute.
Ich werfe einen Blick aufs Feld und auf die vergangenen Tage:
es war ein Kinderspiel gewesen. Aber das Säen! Wonne durch¬
schauert mich, wenn ich daran denke, und doch! Ich traue mich
nicht an die Arbeit zu gehen. Die Aufgabe ist zu groß; mir bangt
vor ihr. Ich begebe mich ins Haus, komme hinaus, gehe wieder
zurück, nehme den Reissack, werfe ihn auf meinen Rücken, lege
ihn wieder nieder, greife hinein, wäge, wälze, betaste den
Samen . . . Nein, ich wage es nicht, anzufangen. Wenn der teuere
Samen verlorengehen sollte? !
— Wirst du säen? — fragt mich die Frau.
— Ja! — antworte ich und werfe mir den Sack abermals um
die Schultern.
— Alles, was im Sack ist?
— Alles! —
— Wirst du es können?
— Gewiß.
Und ich mache mich auf den Weg. Natürlich werde ich es
können. In der Türe kommt mir die Kleine tänzelnd entgegen,
sie hat so munter tanzende Bewegungen, als hätten wir von allem
Anfang an hier im sonnigen Morgenlande gelebt. Sie hüpft vor
mich hin und fleht:
— Ich gehe mit.
— Nein, komme nicht — sage ich ihr, denn ich weiß noch
nicht, wie ich es machen werde, und fürchte, sie könnte mich
stören. — Du sollst hübsch daheim bleiben; gleich gehst du mit
dem Brüderchen und mit den Ziegen aufs Feld.
— Nein, noch nicht, jetzt gehe ich mit dir, ich gehe mit dir.
— Du darfst nicht mit!, sage ich streng. — Bleibe!
Da kommt der größere Knabe, der jüngere humpelt ihm nach.
— Vogel! — ruft er und zeigt nach dem Giebel. Der Kleine
streckt die Finger, sagt dem Größeren nach:
— Vogel, schaut, Vogel!
Ich schaue hin. Ein Schwalbenpaar baut sein Nest. Mir scheint,
ich habe das Nest dort unter dem Giebel schon gesehen. Es war
fertig. Nicht doch! Ich sah es so, wie es jetzt ist, im Halbkreis an¬
gefangen, ein schlammblonder Kinnbart an der Mauer. Die zwei
Schwalben umbauen seinen Rand mit neuen und neueren Reihen.
Jetzt ist die eine eben zurückgekehrt, einen verdorrten Grashalm
im Mund. Da kommt die andere auch geflogen, mit einem Tüp¬
felchen Erde: sie kleben das Gras fest. Staunen und Vertrauen
erfüllt mich. Ich fühle, daß ich mich emporrichte, daß der Sack
voll Samen sich auf meiner Schulter hebt. Ich segne meine Kinder,
die mich auf das Wunder aufmerksam gemacht. Die Schwalben