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JERUSALEM: VIEHMARKT AM HERODES-TOR
Panischer Schrecken
VON M AX BROD.
Eine kleine Gesellschaft, drei Freunde, spazierte durch einen
Wald in der Nähe Berlins und kam zu einer Lichtung, die Aus¬
blick auf Chaussee, Bahnhof und den sauber von Dämmen einge¬
faßten Flußkanal mit der neuen Eisenbrücke darüber bot.
,,Was ist eigentlich noch Natur hier?" rief der eine, ein Film¬
regisseur. „Der Mensch verpatzt alles. Man sieht nur noch Kunst¬
bauten, Schotter, Schienen. Die paar Grashalme an der Straße
scheinen sich für ihre Anwesenheit entschuldigen zu wollen. Sie
sind nur noch geduldet. Im übrigen hat der Mensch alles rundum
domestiziert, seiner Herrschaft unterworfen."
„Und als Fahnen dieser Herrschaft," sagte der andere, „pflanzt
er diese scheußlichen Warnungstafeln und Wegweiser auf. Schaut
euch einmal um, wie viele man von da aus sehen kann. Ich zähle
zwölf auf den ersten Blick. Nein, dort hinten noch eine Gruppe.
Und hier am Bahnübergang wimmeln sie ja. .Achtung Hochspan¬
nung' und ,Das Überschreiten der Gleise verboten'. In wenigen
Jahren werden sie den eigentlichen Wald bilden und von dem
Wald hinter uns werden nur ein paar Erinnerungsbäume auf
dürrem Beden übriggeblieben sein." Er sprach so suggestiv, daß
man vor seiner Handbewegung wirklich schon den Stangenwald
aus dem Boden schießen und die Tannen und Kiefern in vergeb¬
lichem Wettbewerb vor diesem Kunstforst hinschwinden sah.
Der dritte sagte nichts. Einige Tage später aber, als die
beiden anderen bei ihm eingeladen waren, um seinen Abschied
und Aufbruch zu einer Sahara-Forschungsreise zu feiern, kam er
auf dieses Ausflugsgespräch zurück. Es war nicht seine Art zu
widersprechen. Er machte immer nur Einschränkungen, drang
darauf, daß man das Leben in seiner ganzen Kompliziertheit
nehme, wie es eben ist, und lehnte oberflächliche Vereinfachungen
ab. Er tat das aber nicht etwa ausdrücklich und in großen Be¬
hauptungen, sondern gab gewöhnlich nur höfliche Zusätze zu
dem, was gesprochen wurde, stimmte meist sogar zu, aber auf
eine seltsame Art, die neben der Regel gleich auch wieder die
Ausnahme aufwies und allmählich immer weiter abbog, so daß
neben der ursprünglichen Behauptung eine bald unübersehbare
Fülle von Berichtigungen stand. So auch diesmal. „Wir haben
vielleicht wirklich die Absicht," begann er, „die Natur zu ver¬
menschlichen, wie Erich neulich beklagt hat. Die Frage ist nur,
ob es je gelingt. So waren ja die antiken Gottheiten, Baum- und
Bachnymphen nichts anderes als ein Versuch, die feindlich unzu¬
gängliche Natur unsere, die Menschensprache sprechen zu lassen!
Der moderne Mensch möchte diese Zutraulichkeit durch das
herstellen, Avas er .Naturgesetz' nennt. So glaubt er, mit dem
Fremden, das ihn umgibt und das keine Notiz von ihm nimmt,
auf Du und Du zu kommen. Es gibt Landschaften, in denen
dieser kindische Irrglauben gleichsam körperliche Gestalt bekommt.
Ein Areal von Kais, Beton- und Eisenbauten, reguliertem Wasser,
— der Mensch hat hier so lange und so intensiv auf die Natur ein¬
geredet, bis er sie überredet, vielleicht auch nur niedergeredet hat.
Zumindest bildet er sich das ein. Hätte er es nicht nötig, sich
diese Illusion zu verschaffen, — er würde so viel Mühe nicht
aufwenden. So sind .vermenschlichte Landschaften' nicht nur
Kraftäußerungen des Menschen, nein, gleichzeitig Ausdruck seiner
Not und grenzenlosen Verlassenheit im Weltall. Und wehe, wenn
die Natur den Schein einer Konversation, an der sie ja im Grunde
gar nicht teilnimmt, plötzlich abzuwerfen beliebt, -Wenn sie dem
Geist wieder fremd und in ihrer ursprünglichen Unauflöslichkeit
entgegentritt. Diese Unauflöslichkeit ist Grauen. Das, was die
Alten den .panischen Schrecken' nannten. Aus dem Schweigen
der Mittagshitze, aus der ewig fernen, grünen Tiefe des Waldes
löst sich der Schrei los, den das Ohr nicht faßt, der lautlos ins
Herz sinkt, — Angst, Angst vor dem Nichts, vor dem Geheimnis,
das noch weiter als das Nichts entrückt ist. Dennoch glaube ich,
daß die Alten den .panischen Schrecken' nie in dieser wütenden,
ja häßlichen Entsetzlichkeit erleben konnten, wie er uns manchmal
überfällt. Ihre Natur, ihr Wald, ihre Flüsse waren ja nicht so
zurechtgestutzt, nicht so unterjocht (scheinbar unterjocht) wie
unsere Umgebung; daher der Sprung nicht so groß, wenn sich