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MENORAH
das vom Menschen Vergewaltigte einmal zu seltsamer Stunde in
seine menschenferne Urgestalt rückverwandelte."
„Du sprichst von einem bestimmten Erlebnis?" unterbrach
einer der Freunde.
Der Afrikaforscher hielt seine gekrümmte Hand vor den
Mund, man konnte nicht sehen, ob sein Gesicht einen gleich¬
gültigen oder traurigen Zug annahm. Die dunklen Augen, müde,
halbgeschlossen, gaben gleichfalls keine Auskunft. ,,Erlebnis —
wäre zu viel gesagt. Aber an eine ganz bestimmte Stimmung
denke ich allerdings, in der ich einer der von Erich so ge¬
schmähten Warnungstafeln schließlich noch dankbar geworden
bin, denn sie allein war es, die mich aus dem Grausen des pani¬
schen Schreckens gerissen hat. Ohne sie wäre ich vielleicht wahn¬
sinnig geworden und säße heute nicht unter euch, sondern —."
Er verstummte. Die anderen fühlten, warum. Saß denn der Freund
wirklich noch unter ihnen? War er nicht schon in jene einsamen
tödlichen Gegenden entrückt, die ein rätselhafter Trieb, vielleicht
gerade die Sehnsucht nach dem, was er den panischen Schrecken
nannte, ihn immer wieder aufsuchen hieß, nach kurzen, in zivili¬
sierten Gegenden krisenhaft genug überstandenen Zeiträumen.
Zudem trat Beg, des Forschers schwarzer Diener, mit Kaffee und
Likören ins Zimmer. Die bloße Anwesenheit des Negerknaben
mit dem stumpfen, wie in Wut erstarrten Gesicht, erinnerte deut¬
lich genug an das abenteuerliche Leben, dem der Abschied¬
nehmende vor kurzem enttaucht war und nun wieder entgegenging.
„Ich liebte damals," erzählte er, „oder glaubte zu lieben. Das
erste und einzige Mal in meinem Leben. Elise war jungvermählt,
an eine Verbindung mit ihr konnte ich nicht denken. Dennoch
gehörten wir einander, es war ein Muß, vor dem Hindernisse nicht
standhielten, kaum fühlbar wurden. Nur unter den größten
Schwierigkeiten sahen wir einander. Einmal war ihr Mann ver¬
reist. Wir verabredeten einen Ausflug in einen der Großstadt
nahen Kurort. Da Winter war, durften wir hoffen, dort keinem
Bekannten zu begegnen. Alle Vorsichten waren getroffen. Elise
fuhr voraus, ich folgte mit einem späteren Zuge. Eine moralische
Rechtfertigung unseres Tuns will ich nicht geben. An die dachten
wir gar nicht, hatten genug zu tun, uns durch die wohlüber¬
legtesten Abwehrmaßnahmen gegen den ,Neid der Welt', wie
wir es nannten, gegen die bösen Mächte ringsum zu schützen.
Dieser Gedanke gewährte anderen Überlegungen gar keinen Platz,
erfüllte uns mit aufgeregtester Spannung, und dann, als es klar
war, daß wir gesiegt hatten, der Plan geglückt war, als wir end¬
lich in dem kleinen, warmen Hotelzimmer einander allein gegen¬
überstanden, — welch ein Glück! Doch eine leise Beimischung
von Unheimlichkeit war allerdings die ganze Zeit über zu
spüren; vielleicht gerade deshalb, weil das Hotel so elegant, dabei
fast menschenleer, also ganz sicher, weil das Essen so gut, wie
von Heinzelmännchen für uns vorbereitet, weil alles so bequem und
unseren Wünschen bis ins Geringste angepaßt war. Schatten aber
lag auch deshalb über der sonst so einschmeichelnd süßen und
wohlbehaglichen Situation, weil unter uns ausgemacht war, daß
wir nur dieses einzige Mal die vorgetäuschten Freuden einer Ehe
genießen, nur dieses einzige Mal die Ehre meiner über alles ge¬
liebten Freundin aufs Spiel setzen durften. Nach einer Nacht, von
der ich nichts sagen will, als daß sie unserem Beisammensein
für Stunden und Stunden sogar diesen letzten Schatten von Weh¬
mut und Unheimlichkeit nahm, mußte ich am frühen Morgen weg.
Elise sollte am Vormittag mit der Bahn zurückfahren, ich hatte den
ersten Dampfer gewählt, der in die Stadt fuhr. So ging ich nach
kurzem heißen Abschied (einem Abschied für immer) die Treppe
hinunter — im Hotel regte sich nichts — durch Alleen und Fel¬
der bis an den Fluß, wo das kleine Dampfboot wartete. Es mochte
vier Uhr morgens sein. Finsternis und eisigkalter Wind. Auf
dem Dampfer war ich einziger Fahrgast; auch von der Mann¬
schaft nichts zu sehen; sie mochte von geschützten Plätzen aus den
Motor, das Steuer bedienen. So fuhren wir los. Unter dem Wolken¬
himmel stand ich auf dem Verdeck. Hie und da eine Laterne am
Ufer. Der ganze Ort sonst dunkel, dumpf im Schlaf. Nur auf dem
Hügel in der Ferne das eine beleuchtete, gleichsam wachende
Fenster, hinter dessen zartem Vorhang ich die Gestalt der Ge¬
liebten ahnte. Sie lag wohl im Bett, war nicht aufgestanden. Den
Vorhang hatte sie jedenfalls nicht aufgezogen. Dieser kleine Um¬
stand riß mich plötzlich aus Träumen, denen ich noch warm
und herzerfreut nachhing, in die trübselige, fröstelnde Gegenwart.
Das Schiff nahm den Weg um einen Felsen, das Fenster ver¬
schwand. Namenlose Angst befiel mich. Kein Mensch ringsum.
Kein Zeichen irgend einer menschlichen Betätigung. Die Nacht
hatte alle Bauwerke in sich eingeschlungen. Man sah nichts als die
leblose, steife Kulisse der Berge, unendlicher Wälder. Wenn ich
jetzt schriee, niemand würde mich hören. Niemand mir zu Hilfe
kommen. In völliger Verlassenheit müßte ich untergehen. So also,
fühlte ich, sieht diese Gegend für einen Ertrinkenden aus, so bietet
sie sich seinem letzten Blick. Eine Landschaft ohne Menschen,
da und dort ein Lichtschein, der schwarze Himmel, — nichts ant¬
wortet. Und nun wußte ich: dies ist die wahre Gestalt der Welt.
Jetzt erst hatte sie sich mir enthüllt in ihrer ganzen Lieblosigkeit,
Weltraumkälte schauerte an meiner Haut. Und die Fruchtlosigkeit
aller Menschenmühe, sich mitten in diesem unendlichen fremden
ernsten Weltall eine Heimat, ein wohnliches Leben, ein Hotel¬
zimmer mit einer schönen, geliebten Frau einzurichten, fiel mir
bitter ins Herz. Abschied, Abschied nehmen heißt es. Jede Nacht
saugt ein, was wir der Natur abgetrotzt zu haben glauben, legt
unsere Errungenschaften in Trümmer. Wo sind in diesem Augen¬
blick Telegraphendrähte, Hafenanlagen, die Bahnstrecken längs
der Ufer, all die Zeichen menschlichen Triumphs! Finster, ab¬
weisend alles ringsum, nie erschlossen, leer. Eine Landschaft auf
dem Mars, dem Sirius kann nicht fremder sein. Und dies also
unsere urbar gemachte Erde, unsere Vertraute seit Jahrtausenden,
mit der wir so familiär zu sein glauben, dies sogar einer ihrer be¬
wohntesten Striche, Umgebung einer großen alten Stadt! Ewige
Feindseligkeit der Natur, all unseren Anbiederungsversuchen zum
Trotz bleibt sie ein wildes Urtier, — mit uns spricht sie nicht —
und was ich jetzt höre, das Rauschen der nächtlichen Uferbäume,
das siedende Zischen und Seidenrauschen der Eisschollen, durch
die sich der kleine Dampfer stolpernd seinen Weg bahnt, all das
ist gar nicht für mein Ohr, für Menschenohr bestimmt, es ist eine
Sprache, die über unsere Köpfe hinweg geredet wird, Urwesen
uns zur Seite unterhalten sich mit irgend welchen anderen Dämonen
über uns, wir verstehen nichts davon, wir sind ausgeschlossen,
verachtet, verraten, von bösen Mächten umringt, die uns zer¬
malmen . . . Und da verstand ich auch, was mich von Elise riß,
plötzlich war das Unheimliche, das schon durch den geglückten
Plan tags zuvor im wohlgewärmten, komfortablen Hotel sich an¬
gekündigt hatte, mit ganzer Macht da und zeigte, daß mi߬
glückt war, was ein Weilchen lang wie geglückt ausgeschaut
hatte. Und so mußte es immer sein. Alles Gelingen war nur provi¬
sorisch, der Weltraum schluckte es in kalter Nachtstunde in seine
Ungestalt zurück. Je länger ich es überdachte, desto trauriger
wurde ich; es war eine Traurigkeit, die anzog wie ein Wirbel.
Wie schön, sich nun ganz loszulassen, alles praktische Sichein¬
ordnen, das so unnütz war, aufzugeben, hineinzuspringen in das
offene Tor. Es war der Irrsinn, der hinter dem Tor lauerte, das
wußte ich ganz deutlich, und hatte doch keine Kraft mehr, mich
zurückzuhalten. Die Eisschollen polterten, — ein Schritt und es
wäre getan gewesen. Da kam mir im letzten Augenblick eine ganz
unerwartete Rettung. Mein Blick fiel auf eine Emailtafel neben
der Treppe, die zur Kajüte hinunterführte; im trüben Öllicht las
ich: .Ausspucken behördlich verboten.' Und
plötzlich war das Gefühl menschlicher Nähe wieder da. Ordnung,
Beherrschung des Elements lockte, war friedlich und gut. Ein leises
Hoffen, vor dem das Chaos versank. Ich glaube, daß ich dann
noch lange vor der Emailtafel gestanden bin und sie mit beiden
Händen gestreichelt habe, bis wir bei der ersten Station anlegten
und Menschen, Arbeiter einstiegen, die diesen Weg täglich zu
machen hatten und denen er daher nichts Erschreckendes bot. Die
beruhigten mich vollends. Aber gerettet hat mich doch nur eine
jener Warnungstafeln, die du Erich, unlängst so bespöttelt hast."
— Er lächelte. Die anderen aber konnten in dieses Lächeln, das
übrigens im Augenblick vorbeiging, nicht miteinstimmen. Sie
ahnten, daß ihnen der Freund, vielleicht ohne es zu wollen, ein
seinem Leben zugrunde liegendes Unheil enthüllt hatte, von dem
er sonst nie sprach und das also der eigentliche Grund war, das
ihn immer wieder in Wüsten und Fernen ohne lebensrettende be¬
hördliche Warnungstafeln hinaustrieb.