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MENORAH
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schien. Denn wer den Dichter kannte, der wußte auch, daß Jahre
um Jahre vergehen würden, ehe dieses sein Lebenswerk sichtbar
würde.
Der Auftakt ist erklungen. Er nennt sich — etwas befremdend
— „Jaäkobs Traum". Der Dichter hat die uns geläufigen bibli¬
schen Namen durch archaistische Formen ersetzt, die in ihrem
urtümlichen Charakter zum Teil den Keilschriften entnommen
sind; wenn er so Uru-Schalim für Jerusalem schreibt. Sie er¬
scheinen voller, tönender als die bekannten Formen. Und sie geben
dem Ganzen von vornherein etwas Urweltliches, Urzeitliches, wie
das graue mächtige Gestein, das diese bewegten und leuchtenden
Bilder umstarrt.
Der wesentliche Inhalt dieses Vorspiels ist der biblische Be¬
richt: Jakob rang mit Gott, von dem er nicht lassen wollte, er
segnete ihn denn. Das Drama hat diesen Kampf, den die Bibel
ganz wörtlich und körperlich meint, durchaus ins Geistige gehoben.
Jakob ringt um seinen Segen, um den von ihm gewählten Sinn
seiner Berufung, und er läßt nicht von Gott, ehe er ihm die Krone
abgerungen hat, nach der seine Sehnsucht verlangt.
Die Krone, das Gottesw r ort in die Menschheit tragen zu dürfen.
Jakob hat seinem Vater den Segen abgelistet, der seinem
Bruder (das Drama nennt ihn Edom) zugedacht war. Edom
dürstet nach Rache. Er findet den flüchtigen Bruder auf einer ein¬
samen Höhe. Aber der Pfeil, der Jakob treffen sollte, bleibt in dem
Lamm stecken, das dieser in sorglicher Pflege an seiner Brust
gebettet hat. Sehr schön, wie sich in diesem Symbol die bezwin¬
gende Kraft Jakobs kundtut: Güte. Seine Güte entwaffnet und
versöhnt Edom, seine Güte fühlt das Leid von Mensch und Tier,
seine Güte gibt ihm die Kraft, mit seinem Gott zu hadern. Im
1 räum steigt die Himmelsleiter von seinem steinigen Lager em¬
por. Die Engel verheißen ihm den höchsten Glanz der Erde im
Namen des Herrn. Aber d i e Berufung lockt ihn nicht. Er will
der Geistig-Erwählte sein, dem die Antwort auf die große Lei¬
densfrage der Welt anvertraut ist. Er will der Träger des Gottes¬
gedankens sein, der Anwalt Gottes auf Erden, der Anwalt aller
leidenden Kreatur vor Gott. Das ist die Sendung, die er sich und
seinem Volke erfleht. Umsonst warnt ihn Samael — der Ieidum-
dunkelte Luzifer dieser himmlischen Sphäre — vor der Dornen¬
krone, nach der er greifen will; vor dem unsäglichen Martyrium,
das sein Volk erwartet, wenn es der Herr wirklich krönt. Jakob
bleibt unerschüttert. Er will, daß sein Volk erwählt werde, erwählt
zu leiden, zu dulden und zu lehren.
Das Menschliche ist in diesem Drama mit einer außerordent¬
lichen Kraft gestaltet. Die fürstliche Hoheit Rebekahs, der irdisch
heiße Ungestüm Edoms, die wilde Kraft und odaliskenhafte Dumpf¬
heit seiner Frauen, all das ist voll blühender Lebendigkeit. Ergrei¬
fend schön aber ist der ahnungsvolle, von all den dunklen Fragen des
Lebens umdämmerte Knabe Jakob. Wie er seinen alten Sklaven
freispricht und ihm, dem längst Zerbrochenen, Wunschlos-Müden,
das Leben neu aufrichtet, ein Leben des reinen und innigen
Glücks, wie er seinem Bruder die Waffe aus der Hand und den
Zorn aus der Seele nimmt, das sind unverlierbare Eindrücke. Und
in den Szenen der Rebekah, wie in der Szene Jakobs mit Edom
erreicht das Werk auch die zwingende Kraft der Bühne.
Bleibt allerdings noch ein Einwand, über den auch das willigste
Gefühl nicht leicht hinwegkommt: die Erschleichung des väter¬
lichen Segens. Die Bibel freilich erzählt dieses Schelmenstückchen
mit der naiven Unbekümmertheit jeder aristokratischen Kultur,
dir. an der Überlistung des Gegners nur ihre souveräne Freude hat.
Aber so wenig Goethe seine Iphigenie nach der hellenischen Tra¬
dition den Betrue an den Barbaren wirklich üben lassen konnte,
so wenig durfte der Jakob Beer-Hofmanns den Segen des Vaters
stehlen. Hier galt es eben, das antike Element in die Sphäre un¬
serer Sittlichkeit aufzulösen. Das hat der Dichter auch zweifellos
gefühlt und mit allerlei feinen Zügen zu heilen versucht; aber der
Riß bleibt unheilbar. Daß Isak der Dekadente ist, dem die Wahl
gar nicht zusteht, daß Jakob in Wahrheit der Berufene ist, Edom
sichtlich der Gnadenlose — gleichviel; daß Jakob, der Träger des
höchsten sittlichen Gedankens, den Betrug vollbracht hat, ist ein
quälender Widerspruch.
Man wird auch gegen manche Einzelheiten sich auflehnen.
Edom hat gelobt, sich keine Freude der Erde zu gönnen, ehe er
das Blut des Bruders gesehen hat; Jakob greift rasch nach dem
Messer, ritzt seinen und des Bruders Arm und läßt das Blut, zur
Besiegelung ihrer Blutsbrüderschaft, zur Erde träufeln. Das ist
eine sehr geistreiche Spitzfindigkeit, aber sie ist nur geistreich
und spitzfindig. Auch verliert sich der zweite Akt zu sehr ins
Rhetorische und büßt daher seine Bühnenkraft ein. Aber es wäre
schade, sich so den reinen Eindruck des Werkes zu verkümmern.
Genug, hier erklingt ein Auftakt, der hohe Erwartungen nach
dem eigentlichen Werke weckt.
Grandios ist die dichterische Vision der auf Stufen des Lichts
niedersteigenden Engel. Der Goldglanz ihrer Rüstungen schim¬
mert auch auf ihren Worten. Aber in diesen Worten glüht nicht
die hingegebene Inbrunst des Glaubens. Es ist — wie ich bereits
gesagt — kein religiöses Werk. Es sei denn, daß man Religion in
einem tieferen Sinne faßt: als das Bemühen des Menschen, sich
in der bedrängend gefüllten Unendlichkeit des Weltlebens zurecht
zu finden. Klarheit zu gewinnen über die Stellung des eigenen Ich
im All. (Dann freilich ist das letzte große religiöse Buch der
Deutschen zugleich auch ihr gottlosestes: Nietzsches ,.Zara-
thustra".)
Dieser religiöse Geist durchdringt auch „Jaäkobs Traum". Die
Rätselfragen des Lebens lassen des Dichters Herz erzittern. Der
stumme Leidensblick der Tiere, die schuldlose Qual der Mi߬
geborenen — „Ist Leid nur Strafe?" Dieses anklagende Wort
wider Gottes Güte und Gerechtigkeit stöhnt immer wieder auf.
Das menschliche Gefühl kann das Gleichgewicht in dieser Welt
nicht herstellen. Es sieht schuldloses Leid und schuldvolles Glück.
Seine ewige Frage findet keine Antwort.
Auch dieses Gedicht findet sie nicht. Es weiß nur: die Ant¬
wort ist Gottes. Und Gott wird sie Jakob anvertrauen. Ihm und
den begnadeten Sprossen seines Blutes. So ist das nationale Pathos
des Werkes überzeugter, beglückter, stärker als das religiöse. Jakob
ringt mit Gott und wird von ihm gesegnet. Das ist dem Dichter
beseligende Gewißheit und Zuversicht,
JERUSALEM: STRASSE ZUM TEMPELPLATZ