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MENORAH
L. PILICHOWSKI (Palästina) GLÜCKEL VON HAMELN
Leopold Pilichowski in Palästina
Das Ostjudentum ist heute zum Zerrbilde seiner selbst worden.
Die Pogrome in der Ukraine und die Verfolgungen und Angriffe
auf die Wirfechaftsbasis in Polen sowie in Sowjetrußland haben
die Judenheit deroutiert; der Zusammenhang mit der lebendigen
Tradition wurde bald unter dem unerträglichen Drucke der feind¬
lichen Umwelt, bald aus der Stimmung der Verzweiflung und Rich-
tungslosigkeit heraus aufgegeben, ohne daß es möglich gewesen wäre,
die Energien, die vielleicht gerade solcherart frei wurden, zu einer
positiven Auswirkung zu bringen.
Gilt dies auch mit Einschränkungen, so gilt es doch für den
größten Teil der wandernden Massen und ist daher hier in Palä¬
stina besonders fühlbar.
Glücklicherweise ist aber die konservative Weltanschauung, die
allen Trugschlüssen zu Trotz es ist, die das Judentum durch die
Jahrhunderte vor Kernfäule bewahrt und den alten Stamm zu stän¬
digem Treiben und Blühen gebracht hat, noch vielen Herzens¬
bedürfnis und Postulat.
Zu diesen gehört der Maler Leopold Pilichowski. Sein inniges
Verhältnis zu den geheimnisvoll rauschenden Quellen der jüdischen
Tradition spricht aus seinem Schaffen, das der „Bezalel" anläßlich
Pilichowskis Anwesenheit in Palästina in den 56 Nummern der Wan¬
derausstellung in instruktiver Weise ergänzt durch ein Album photo¬
graphischer Reproduktionen weiterer Werke dem hiesigen Publikum
vorführt. So ist Pilichowski bemüht, mit den Mitteln seiner begna¬
deten Muse ein Lehrmeister des Jischuw zu sein, indem er ihm
das Verständnis seiner Arbeit und hiedurch seine Ideale vermittelt.
Er ist in dieser Hinsicht wohlbekannt. Sein „Jomkippur" „Suk-
koth", „Schima Jisroel", „Vertrieben . . ." sind in zahlreichen
Reproduktionen verbreitet, Pilichowski malt das traditionelle Leben,
die Männerklausen mit ihren verzückten Betern, dem ekstatischen
Schrei, dem Ringen mit den Anfeindungen des Lebens, der Demut
und Unterwürfigkeit des zu Gott Zurückkehrenden. Es ist geradezu
überraschend, wie es ihm gelingt, schon in dem einen Gemälde
„Schma Jisroel" aus den fast ganz in die Tallessim gehüllten Ge¬
stalten der inbrünstigen Gemeinde einige hervorzuheben und in der
angedeuteten Weise zu charakterisieren. Es wäre unmöglich, hätte
Pilichowski nicht in dem Schatze unvergeßlicher Erinnerungen, die
ihn von dem polnischen „Städtel" seiner Jugend nach Warschau,
München, Paris und London begleiteten, schürfen können.
Pilichowski malt die stillen Freuden der alljährlich wiederkehren¬
den Feste; er malt die Wehmut und den Ernst der sich gleich¬
bleibenden und doch so bedeutungsvollen Familienercignisse. In der
„Jüdischen Hochzeit" hat Pilichowski aus den abwechslungsreichen
Szenen der Feierlichkeit gerade die herausgegriffen, da der Badchen
dem jungen Bräutigam „Musser redt". Dieser hält weinend sein
Gesicht in den Händen, ergriffen von den Pflichten eines jüdischen
Hausvaters, an die ihn der Redner erinnert. Der Rebbe mit ge¬
schlossenen Augen ihm zur Seite, die Männer, aus deren Mienen
der Widerhall dieser Worte spricht, um den Tisch, auf dem Aquavit
und Zwieback stehen, die neugierigen und teilnahmsvollen Zuhörer
und Zuhörerinnen, und die Musikanten im Hintergrunde vervoll¬
ständigen das Genrebild. Ja, ,,nur" ein Genrebild, aber es hat einen
ganzen Künstler und Menschen erfordert.
„Die Söhne der Thora"' und die „Töchter Israels" — Pili¬
chowski spricht einfach vom „Besmedresch" und der „Weiberschul"
— erfassen die ganze schlichte Schönheit einer vergehenden Zeit.
Die den Worten aus der „Jenerem" lauschenden Mädchen und
Frauen in ihren einfach-edlen Gewändern und die in die Weisheit
des Talmud vertieften Männer und Jünglinge sprechen von dem
Glück harmonischer Vollendung. Und wenn in beiden Gemälden
die Hauptfigur träumend ins Weite sinnt, können wir doch über¬
zeugt sein, daß ihre Sehnsucht und ihr Weg nicht Umsturz, sondern
Fortschritt im Sinne der Erweiterung des geistigen Horizontes über
Familie und Städtel hinaus, bedeutet. Um so zu malen, muß man
das Volk und die Überlieferung vom Herzen lieben. Hier spricht
einmal das Sujet in Wahrheit von dem Fühlen des Künstlers.
Pilichowski ist in vielen Schulen und mancher Technik zu Hause.
Er ist unabhängig in seinem Schaffen und sein „Kol-Nidre" hängt
in der Luxemburg-Galerie in Paris, sein „Jomkippur" hat das Mu¬
seum für Moderne Kunst im Haag erworben. Der modernsten
Malerei weicht er allerdings konsequent aus und so verleugnet er
niemals seine traditionelle Lebensauffassung.
In der Hauptsache enthält die Ausstellung eine Reihe zeitgenös¬
sischer Porträts bedeutender Juden, so von Einstein, Sokolow, Achad
Haam, Rabb. Ehrenpreis, Herbert Samuel und anderen, auch von
Sir Mark. Sykes (dem Unterzeichner des Sykes-Picot-Vertrages über
die Grenzen Palästinas und Syriens). Ist auch diese Zusammen¬
stellung berechnet, das Interesse des Publikums zu wecken, gibt sie
doch in der Mannigfaltigkeit der Ausführung von der Studie und
Bleistiftskizze zum Salonporträt ein Bild vom Können des Ausstellers
und wird durch einige Landschaften, Akte, Stilleben und Charakter¬
köpfe zu einem vollen Eindrucke abgerundet.
Die Ausstellung enthält auch eine Studie „Felsen", die durch
ihr palästinensisches Kolorit auffällt. Trotzdem ist sie zu einer Zeit
entstanden, da der Künstler noch ferne von der Küste die er malte,
weilte. Die ahnungsvolle Erfassung der tausendfarbigen palästinen¬
sischen Landschaft ist ein günstiges Omen. Wenn Schiller im „Wil¬
helm Teil" imstande war, ein überraschend anschauliches Bild von
der Erhabenheit der schweizerischen Gebirgs- und Seenwelt zu geben,
hat er immerhin nur der Phantasie des Lesers den Rahmen und das
herrschende Detail geboten, und zu bieten gebraucht. Schon um der
allgemeinen Möglichkeiten der Malerei willen ist daher die Leistung
Pilichowskis höher einzuschätzen, dessen Studie den unverkennbaren
Charakter Palästinas aufweist. Gerade der kunstferne Beschauer, der
vor das Bild, mit dem Wunsche es zu lokalisieren, tritt, wird unbedingt
den palästinensischen „Fundort" annehmen. Sollte es Pilichowski
gelingen, nunmehr während seiner Anwesenheit im Lande, die Farben
des Bodens, die durchsichtige Luft und den weiten Horizont als
innerlich gefestigten Besitz sich zu erwerben, dann kann er bei seiner
im Judentum verankerten Kunst ein Werk hinterlassen, das die male¬
rische Epopöe unseres Kampfes und unseres Leidens um Zion
bilden wird. A. E—r.